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 Betreff des Beitrags: Re: Inklusion - postfaktische Welt?
BeitragVerfasst: Mittwoch 31. Mai 2017, 21:45 
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Tibor hat geschrieben:
Levi hat geschrieben:
...
Dieses Zitat ist eindeutig zu unterkomplex. ...
Diese besondere Konstellation des Strafprozesses ist mit der Inklusion im Schulbereich nicht vergleichbar. In letzterem Fall sind körperliche Handicaps mittels technischer oder persönlicher Hilfestellungen heute in aller Regel gut kompensierbar. So dass weniger einschneidende Maßnahmen als ein Ausschluss von der allgemeinen Schulbildung grundsätzlich zur Verfügung stehen. ...
Mithin stehen heute grundsätzlich mildere Mittel zur Verfügung als ein Ausschluss von der Regelschule, ... 

Für körperlich Behinderte wird das wohl auch niemand bestreiten. Gehörlose, Stumme, Blinde, Gehbehinderte etc. sind natürlich einfach zu integrieren; oftmals lernen auch Mitschüler von sich aus Gebärdensprache.


Das ist aber die große Masse der Inklusionfälle und die Gruppe, über die ich hier primär rede.
Wenn wir uns hier einig sind, dass Inklusion insoweit grundsätzlich eine gute Sache ist, stimmen wir zu 98 % überein.

Zitat:
Das Problem sind doch aber geistig Behinderte, die eben nicht mit technischer Hilfsmittel integriert werden können; wo eben Vollzeitbetreuung gewährleistet werden muss. Hier führt Inklusion eben auch zu Ressourcenproblemen.


Das Thema Menschen mit geistiger Behinderung in Regelschulen halte ich für überbewertet. Erstens ist die Zahl geistig schwer behinderter Kinder ohnehin nur sehr klein und nur die wenigsten Eltern sind so unvernünftig, auf die Idee zu kommen, ihre Kinder trotz geistiger Behinderung auf eine Regelschule zu schicken. Was sollen sie dort? Im Notfall muss eben - worauf ich bereits hingewiesen habe - die Schulleitung die Aufnahme des Kindes verweigern.


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 Betreff des Beitrags: Re: Inklusion - postfaktische Welt?
BeitragVerfasst: Mittwoch 31. Mai 2017, 22:15 
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Gern. Denn dann sind wir tatsächlich nur noch in der Definition von Behinderung auseinander.

Inhaltlich hättest du dann deinen Diskussionseinsatz hier aber nicht mit "jede Differenzierung nach den Merkmalen des Art. 3 Abs. 3 GG kategorisch ausgeschlossen" einläuten sollen, sondern gerade die Differenzierung zwischen körperlicher und geistiger Behinderung zugestehen können und sollen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Inklusion - postfaktische Welt?
BeitragVerfasst: Mittwoch 31. Mai 2017, 22:30 
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Levi hat geschrieben:
Avantgarde der Gesellschaft (insbesondere mit poststrukturalistischen oder konstruktivistischen Hintergrund).


Wenn ich das schon lese... Du liest bestimmt auch Derrida oder?

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 Betreff des Beitrags: Re: Inklusion - postfaktische Welt?
BeitragVerfasst: Donnerstag 1. Juni 2017, 06:30 
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Tibor hat geschrieben:
Inhaltlich hättest du dann deinen Diskussionseinsatz hier aber nicht mit "jede Differenzierung nach den Merkmalen des Art. 3 Abs. 3 GG kategorisch ausgeschlossen" einläuten sollen, sondern gerade die Differenzierung zwischen körperlicher und geistiger Behinderung zugestehen können und sollen.


Dogmatisch besteht insoweit aber kein Unterschied. Insofern bleibt die Aussage durchaus richtig. Allerdings würde ich das Wort "kategorisch" in diesem Zusammenhang nicht mehr verwenden, da es zu Missverständnissen führt. 

Das entscheidende - und in Literatur und Rechtsprechung ja auch umstrittenste - Wort in Art. 3 Abs. 3 GG ist "wegen". Auch die Rechtsprechung des BVerfG hat sich hier im Laufe der Jahrzehnte deutlich gewandelt von einem strengen Finalitäts-Verständnis  (die Differenzierung muss gerade das Ziel der staatlichen Maßnahme sein), über Kausalitäts-Prinzip und Anknüpfungsverbot bis hin zum heutigen Verständnis des Art. 3 Abs. 3 GG als Verbot der faktischen Differenzierung, die auch die (nur) mittelbare Diskriminierung wegen eines Merkmals mit einschließt.

Genau dieser notwendige Zusammenhang zwischen Merkmal und DifferenzIerung liegt hier jedoch nicht in jedem Falle vor: die Aufgabe des staatlichen Bildungswesens ist es nicht, die Kinder zu verwahren und den Tag über irgendwie zu beschäftigen, sondern ihnen schulischen Wissen zu vermitteln und sie zu formalisierten und normierten Bildungsabschlüssen zu führen. Wenn ein Kind - aus welchen Gründen auch immer - dieses Wissen und den Bildungsabschluss von vornherein nicht erreichen kann, weil ihm die entsprechenden Fähigkeiten fehlen, liegt keine Benachteiligung "wegen" einer Behinderung vor. Oder anders ausgedrückt: Wenn ein Kind auch an der Förderschule den entsprechenden Abschluss nicht erreichen könnte, wird es nicht dadurch benachteiligt, dass ihm der Besuch der Regelschule vorenthalten bleibt. 

Anders dagegen der Fall, wenn ein Kind grundsätzlich die Fähigkeiten zur Erreichung der Bildungsziele und Abschlüsse mitbringt  (diese etwa an einer Förderschule z. B. auch erreichen würde) und nur wegen seines Handicaps vom Besuch der Regelschule ausgeschlossen wird. In diesem Fall liegt der Tatbestand des Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG vor, und in Betracht käme allenfalls noch ausnahmsweise eine Rechtfertigung aus kollidierenden Verfassungsrecht. 

Insofern ergibt sich in der Realität häufig eine unterschiedliche Wirkung zwischen körperlichen und geistigen Behinderungen, diese ist jedoch nicht dogmatisch begründet.


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 Betreff des Beitrags: Re: Inklusion - postfaktische Welt?
BeitragVerfasst: Donnerstag 1. Juni 2017, 07:11 
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Registriert: Samstag 28. Mai 2016, 15:12
Beiträge: 602
Ironischerweise geht deine (inhaltlich nicht unberechtigte) Differenzierung zwischen körperlichen und geistigen Behinderungen gänzlich an der zentralen politischen (!) Problematik vorbei: Denn dass ein Kind etwa allein deshalb, weil es einen Rollstuhl benötigt, unter keinen Umständen das Gymnasium besuchen sollte, wird heute wohl kaum noch ernsthaft vertreten (auch wenn die Umrüstung natürlich im Einzelfall ein praktisches Problem sein kann).

Im Fokus der Diskussion stehen vielmehr diejenigen Kinder, die sich entweder auf einem gänzlich anderen intellektuellen Niveau befinden und/oder schwer verhaltensgestört sind, sodass mit regelmäßigen heftigen Ausbrüchen zu rechnen ist. Allein diese Kinder sind es nämlich, die eine Überforderung der Lehrkräfte sowie der übrigen Kinder mit sich bringen können.

Du stellst diese Unterscheidung körperlich/geistig behindert nun als selbstverständlich und allgemein akzeptiert dar; allerdings wird bei der Inklusion nicht stets so differenziert. Genau das ist aber überhaupt Anlass für die berechtigte Kritik hieran.

Beispiel:

Zitat:
Körperbehinderte Schüler zu integrieren gehört noch zu den leichteren Übungen. Doch die Gruppe derer, die am meisten Aufmerksamkeit braucht, wird immer größer. Das sind Kinder mit emotional-sozialer Entwicklungsstörung, die man früher als schwer erziehbar bezeichnet hätte. Zwischen 2005 und 2015 ist diese Gruppe um 86 Prozent auf 85.500 gewachsen. Jeder Zweite davon besucht eine Regelschule. Im Schulalltag sind es häufig diejenigen, die plötzlich aggressiv werden, „ausrasten“ und weder vom Schulbegleiter noch vom Lehrer zu bändigen sind.


Quelle: http://www.faz.net/aktuell/politik/inla ... 28318.html


Zuletzt geändert von Suchender_ am Donnerstag 1. Juni 2017, 07:41, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: Inklusion - postfaktische Welt?
BeitragVerfasst: Donnerstag 1. Juni 2017, 07:34 
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Beiträge: 4192
Suchender_ hat geschrieben:
Ironischerweise geht deine (inhaltlich nicht unberechtigte) Differenzierung zwischen körperlichen und geistigen Behinderungen gänzlich an der zentralen politischen (!) Problematik vorbei: Denn dass ein Kind etwa allein deshalb, weil es einen Rollstuhl benötigt, unter keinen Umständen das Gymnasium besuchen sollte, wird heute wohl kaum noch ernsthaft vertreten (auch wenn die Umrüstung natürlich im Einzelfall ein praktisches Problem sein kann).

Im Fokus der Diskussion stehen vielmehr diejenigen Kinder, die sich entweder auf einem gänzlich anderen intellektuellen Niveau befinden und/oder schwer verhaltensgestört sind, sodass mit regelmäßigen heftigen Ausbrüchen zu rechnen ist.


Richtig, genau das ist das eigentliche Problem bei der Inklusion, das praktisch unlösbare Schwierigkeiten nach sich zieht. Auf körperlich behinderte Schüler kann man sich in weitem Umfang (wenn auch nicht immer) an Regelschulen sinnvoll einstellen, ohne dass der Unterrichtsbetrieb nachhaltig gestört wird. Und deshalb besuchen körperlich behinderte Schüler ja auch schon seit Jahren und Jahrzehnten vergleichsweise häufig Regelschulen - lange bevor irgendjemand von "Inklusion" sprach.

Immerhin zeigt diese Diskussion wirklich sehr anschaulich, wie es um die Redlichkeit mancher bestellt ist. :-w

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"Honey, I forgot to duck."


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 Betreff des Beitrags: Re: Inklusion - postfaktische Welt?
BeitragVerfasst: Donnerstag 1. Juni 2017, 07:45 
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Levi hat geschrieben:
Tibor hat geschrieben:
Die Kritik hier geht doch aber dahingehend, dass "das verordnete Weltbild" eben nur ein verordnetes Weltbild ist. Wenn die UN Konvention "Behinderung nicht mehr als zuschreibbares Merkmal der Person" verstanden wissen will, dann ist dies ein Programmsatz, ein Staatsziel etc., es ist aber nicht zugleich in den Köpfen aller Menschen verankert. Ich meine zu behaupten, dass du in einer Umfrage gerade immer den allgemein bekannten Behinderungsbegriff hören wirst, niemand diese Konvention kennt (außer ein paar Ministeriale bzw. Verwaltungsmitarbeiter etc. die in dem Bereich arbeiten oder eben Eltern, die behinderte Kinder haben). Und genau das ist der hier diskutierte Kritikpunkt: Der Staat koppelt sich von der Gesellschaft ab, wenn er ein bestimmtes Sprachverständnis durchsetzen will.


So eindimensional ist das nicht. Es ist ja nicht so, als würde sich "der Staat" von "der Gesellschaft" abkoppeln und hier irgendwelche neuen Konzepte entwickeln, sondern vielmehr haben die Staaten (keineswegs nur Deutschland, ja noch nicht einmal zuvörderst Deutschland) nur eine gesellschaftliche Entwicklung aufgegriffen, die in den Universitäten und NGOs, insbesondere den Behindertenrechtsverbänden und Sozialverbänden, bereits weit verbreitet war. Die entsprechende Diskussion um Inklusion und Dekonstruktion des früheren Behinderungsbegriffs geht bis in 1980er Jahre zurück. Es dauerte dann mehr als 20 Jahre, bis auch die Politik diesen zivilgesellschaftlichen Diskurs um einen neuen Behinderungsbegriff aufgenommen hat. Wie bei den meisten Themen war auch hier nicht der Staat der Initiator sondern eine Avantgarde der Gesellschaft (insbesondere mit poststrukturalistischen oder konstruktivistischen Hintergrund).

Aber natürlich gehen solche Entwicklungen niemals von der Gesellschaft als Ganzes aus, sondern von einer kleinen intellektuellen Elite, die teilweise personenidentisch oder zumindest gut vernetzt ist mit der Verwaltungselite. Die Einbindung größerer Teile der Gesellschaft erfolgt erst sukzessive und deutlich später. Das ist aber bei allen Neuerungen so. Sie entstehen in den Köpfen einiger weniger gesellschaftlicher Vordenker und breiten sich von dort aus. "Die Gesellschaft" als Ganzes ist zu einem wissenschaftlichen, technischen oder sozialen Fortschritt unfähig.


Das widerspricht doch allem, was du vorher gesagt hast.

Du möchtest freie Eltern, die selbstbestimmte Entscheidungen treffen und keinen Paternalismus.
Für die Gesellschaft soll dann aber eine kleine Bildungselite vordenken und entscheiden.


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 Betreff des Beitrags: Re: Inklusion - postfaktische Welt?
BeitragVerfasst: Donnerstag 1. Juni 2017, 10:33 
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Beiträge: 3103
Immerhin wird überdeutlich, welches Demokratieverständnis diesem Elitendenken zugrunde liegt: Vox populi Vox Rindvieh.

Daher ist auch keine realistische Folgenabschätzung o.ä. bei so weitreichenden Entscheidungen wie der Inklusion mehr notwendig. Denn die möglichen Negativfolgen trägt ja nicht diese "Elite", sondern die von dieser ungeliebte Masse des Wahlvolks, die ihre Kinder nicht auf Privatschulen schicken kann.

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"Wenn die Welle kommt, dann nimm dir Zeit."

-Duke Kahanamoku-


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 Betreff des Beitrags: Re: Inklusion - postfaktische Welt?
BeitragVerfasst: Donnerstag 1. Juni 2017, 12:18 
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sai hat geschrieben:
Levi hat geschrieben:
Wie bei den meisten Themen war auch hier nicht der Staat der Initiator sondern eine Avantgarde der Gesellschaft (insbesondere mit poststrukturalistischen oder konstruktivistischen Hintergrund).

Aber natürlich gehen solche Entwicklungen niemals von der Gesellschaft als Ganzes aus, sondern von einer kleinen intellektuellen Elite, die teilweise personenidentisch oder zumindest gut vernetzt ist mit der Verwaltungselite. Die Einbindung größerer Teile der Gesellschaft erfolgt erst sukzessive und deutlich später. Das ist aber bei allen Neuerungen so. Sie entstehen in den Köpfen einiger weniger gesellschaftlicher Vordenker und breiten sich von dort aus. "Die Gesellschaft" als Ganzes ist zu einem wissenschaftlichen, technischen oder sozialen Fortschritt unfähig.


Das widerspricht doch allem, was du vorher gesagt hast.

Du möchtest freie Eltern, die selbstbestimmte Entscheidungen treffen und keinen Paternalismus.
Für die Gesellschaft soll dann aber eine kleine Bildungselite vordenken und entscheiden.



(Vor)Denken und Entscheiden sind zwei völlig unterschiedliche Maßnahmen; insofern gibt deine Aussage nicht einmal ansatzweise meine Auffassung wieder.

Ich bin ein überzeugter Anhänger der repräsentativen Demokratie und halte überhaupt nichts von einer "Philosophen-Herrschaft" im Sinne Platons. Über gesellschaftliche Fragen verbindlich entscheiden, sollen allein die demokratisch gewählten Parlamente sowie die sonstigen vom Volk legitimierten staatlichen Organe (Exekutive und Jurisdiktion) - nicht irgendwelche Thinktanks oder NGOs.

Eine hiervon zu trennende Frage ist dagegen, wer die Ideen und Konzepte entwickelt, die später ggf. von den demokratisch legitimierten Organen aufgegriffen werden? Solange die Gesellschaft noch keinen Weg gefunden hat, ihre Gehirne in einem großen neuronalen Netzwerk zu verbinden, wird es zwangläufig immer so sein, dass neue Ideen (egal ob wissenschaftlicher, technischer, sozialer, kultureller oder gesellschaftlicher Natur) in den Köpfen einzelner Menschen entstehen und sich sodann im Dialog und Diskurs mit anderen Menschen weiterentwickeln.

Einige der so entwickelten Ideen setzen sich letztlich durch, die meisten anderen werden vergessen oder bleiben politisch bedeutungslos.

Dass am Anfang einer neuen Idee aber immer einzelne (wenige) Personen und ihre Gehirne stehen, ist eine biologische Notwendigkeit, und es gehört zur intellektuellen Redlichkeit dies einzugestehen.

Wer dagegen behauptet, bei der Verbreitung neuer Ideen nur die "Stimme des Volkes" zu sein und die Meinung "des Volkes" wiederzugeben, lügt sich im besten Falle selbst in die Tasche oder aber er betreibt billigen Populismus.

Auch über die Einführung der Inklusion in den Schulen haben letztlich nicht irgendwelche Thinktanks oder NGOs entschieden, sondern der Deutsche Bundestag und die Länderparlamente. Vorgedacht wurde er jedoch in der Gesellschaft.


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 Betreff des Beitrags: Re: Inklusion - postfaktische Welt?
BeitragVerfasst: Samstag 3. Juni 2017, 12:07 
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Levi hat geschrieben:
Zitat:
Das Problem sind doch aber geistig Behinderte, die eben nicht mit technischer Hilfsmittel integriert werden können; wo eben Vollzeitbetreuung gewährleistet werden muss. Hier führt Inklusion eben auch zu Ressourcenproblemen.


Das Thema Menschen mit geistiger Behinderung in Regelschulen halte ich für überbewertet.


Das ist etwas skurril, weil Probleme bei der Inklusion gerade im Zusammenhang mit geistiger Behinderung und Verhaltensauffälligkeiten auftreten.

Levi hat geschrieben:
Erstens ist die Zahl geistig schwer behinderter Kinder ohnehin nur sehr klein und nur die wenigsten Eltern sind so unvernünftig, auf die Idee zu kommen, ihre Kinder trotz geistiger Behinderung auf eine Regelschule zu schicken. Was sollen sie dort?


In der Tat - wer (wie Du) die Inklusion befürwortet, sollte die Frage beantworten, was ein geistig schwer behindertes Kind, pardon, ein Kind mit besonderem sonderpädagogischen Förderbedarf vor allem auf dem Gebiet der geistigen Entwicklung, auf einem Gymnasium soll.

(Wobei das ja in der Regel klar ist, "was das Kind da soll": es soll im gewohnten Klassenverbund mit seinen aus der Grundschule vertrauten Freunden bleiben. Die wirkliche Frage ist die, ob das nun besonders sinnvoll ist.)

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Deutsches Bundesrecht? https://www.buzer.de/ - tagesaktuell, samt Änderungsgesetzen und Synopsen
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 Betreff des Beitrags: Re: Inklusion - postfaktische Welt?
BeitragVerfasst: Samstag 3. Juni 2017, 13:44 
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Die Themen "geistige Behinderungen" und "Verhaltensauffälligkeiten" in Regelschulen werden zwar im Zusammenhang mit Inklusion tatsächlich häufig diskutiert. Aber sie gehören dort nicht unmittelbar hin.

Verhaltensauffälligkeiten und Störungen des Unterrichts haben mit Inklusion von vornherein überhaupt nichts zu tun. Hierfür gibt es in den Schulgesetzen Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen. Gegen ein Kind - egal welches -, das den Unterricht stört, sind Ordnungsmaßnahmen zu verhängen.

Inklusion bedeutet im Übrigen gerade nicht "Normierung", sondern sie stellt - ganz im Gegenteil - die Individualität und die gesellschaftliche Teilhabe des Menschen in den Mittelpunkt.

Weder irgendein Gesetz noch irgendein namhafter Inklusionstheoretiker vertritt ein Verständnis von Inklusion, nach dem alle Kinder unterschiedslos in die gleiche Schule gehen müssen. Das wäre das genaue Gegenteil von Individualität.

Inklusion bedeutet vielmehr, dass jedes Kind als Individuum betrachtet und geprüft wird, wie und wo es am besten gefördert werden kann und welche Unterstützung es benötigt, um sein Recht auf gesellschaftliche Teilhabe zu verwirklichen.

Aus keinem Gesetz ergibt sich dabei ein einklagbarer Anspruch eines Kindes mit geistig schwerer Behinderung zum Besuch eines Gymnasiums. Sollte es dennoch zugelassen werden, so ist dies die freiwillige Entscheidungen der Schulleitung.

Die ganze Debatte um Kinder mit schweren geistigen Behinderungen ist daher eine Phantomdiskussion. Die Verantwortung liegt hier bei der Schulleitung und nicht bei der Inklusionsgesetzgebung.


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 Betreff des Beitrags: Re: Inklusion - postfaktische Welt?
BeitragVerfasst: Samstag 3. Juni 2017, 13:59 
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Levi hat geschrieben:
Verhaltensauffälligkeiten und Störungen des Unterrichts haben mit Inklusion von vornherein überhaupt nichts zu tun. Hierfür gibt es in den Schulgesetzen Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen. Gegen ein Kind - egal welches -, das den Unterricht stört, sind Ordnungsmaßnahmen zu verhängen.


Also dieses Maß an Unredlichkeit, Weltfremdheit und Ignoranz ist jetzt wirklich kaum noch zu übertreffen. Selbst bei Kindern, die keine geistigen Behinderungen und/oder "Verhaltensauffälligkeiten" mit Krankheitswert aufweisen, sind Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen vielfach kaum wirksam. Darüber hinaus gehen damit immer erhebliche Beeinträchtigungen des Unterrichts einher. Und es ist auch offensichtlich, dass damit wieder die Lehrer für Aufgaben in die Pflicht genommen werden, für die sie weder die Ausbildung noch die Zeit haben.

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 Betreff des Beitrags: Re: Inklusion - postfaktische Welt?
BeitragVerfasst: Samstag 3. Juni 2017, 14:20 
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Honigkuchenpferd hat geschrieben:
Levi hat geschrieben:
Verhaltensauffälligkeiten und Störungen des Unterrichts haben mit Inklusion von vornherein überhaupt nichts zu tun. Hierfür gibt es in den Schulgesetzen Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen. Gegen ein Kind - egal welches -, das den Unterricht stört, sind Ordnungsmaßnahmen zu verhängen.


Also dieses Maß an Unredlichkeit, Weltfremdheit und Ignoranz ist jetzt wirklich kaum noch zu übertreffen. Selbst bei Kindern, die keine geistigen Behinderungen und/oder "Verhaltensauffälligkeiten" mit Krankheitswert aufweisen, sind Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen vielfach kaum wirksam. Darüber hinaus gehen damit immer erhebliche Beeinträchtigungen des Unterrichts einher. Und es ist auch offensichtlich, dass damit wieder die Lehrer für Aufgaben in die Pflicht genommen werden, für die sie weder die Ausbildung noch die Zeit haben.


Die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung im Unterricht gehört seit jeher - und keineswegs erst seit Einführung der Inklusion - zu den originären Aufgaben eines Lehrers. Ist er hierzu nicht in der Lage, so hat er seinen Beruf verfehlt.

Diskutieren könnte man alllenfalls darüber, ob die derzeit vorhandenen gesetzlichen Ordnungsmaßnahmen (noch) ausreichend sind, oder ob man nicht zusätzliche Maßnahmen schaffen müsste. Aber diese Frage hat mit Inklusion nichts zu tun.

Hiervon abgesehen erschließt sich mir beim besten Willen nicht, inwiefern ein Schüler, der in einer Regelschule den Unterricht stört, dies in einer Förderschule nicht tun würde? Ich habe hier eher den Verdacht, dass es gar nicht um die Störung des Unterrichts an sich geht, sondern nur darum, sie von den eigenen Kindern fernzuhalten. Gemäß dem Prinzip: "Sankt Florian, Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd' andere an."


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 Betreff des Beitrags: Re: Inklusion - postfaktische Welt?
BeitragVerfasst: Samstag 3. Juni 2017, 14:34 
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Levi hat geschrieben:
Die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung im Unterricht gehört seit jeher - und keineswegs erst seit Einführung der Inklusion - zu den originären Aufgaben eines Lehrers. Ist er hierzu nicht in der Lage, so hat er seinen Beruf verfehlt.


Früher hatte man dann aber eben nicht im selben Maße wie heute in einer Klasse mehrere Kinder mit geistiger Behinderung und/oder schweren Verhaltensauffälligkeiten. Die Realität der sog. Inklusion ist, dass die Lehrer mit den Problemen, die sie verursacht, weitgehend allein gelassen werden. Du bist ein wunderbares Beispiel für diese Geisteshaltung.

Auch im Übrigen könnte deine Aussage kaum ignoranter sein: Selbst die Schulgesetze erkennen an, dass es Schüler gibt, bei denen Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen nicht weiterhelfen. Insofern solltest du vielleicht etwas zurückhaltend sein, über anderen Menschen den Stab zu brechen. In den letzten Jahren hat die Zahl dieser Schüler auch allgemein zugenommen, denn du kannst als Lehrer nun einmal erheblichen Defiziten bei der Erziehung, psychischen Störungen usw. kaum durch solche Maßnahmen Herr werden.

Zitat:
Diskutieren könnte man alllenfalls darüber, ob die derzeit vorhandenen gesetzlichen Ordnungsmaßnahmen (noch) ausreichend sind, oder ob man nicht zusätzliche Maßnahmen schaffen müsste. Aber diese Frage hat mit Inklusion nichts zu tun.


Die üblichen Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen sind nicht auf Kinder mit geistigen Behinderungen und/oder psychischen Störungen zugeschnitten. Die meisten wirken sogar über Druck der Eltern, der bei solchen Kindern vielfach vollkommen kontraproduktiv erscheint. Es ist auch kaum vorstellbar, welche Maßnahmen man hier schaffen sollte. Und natürlich hat das spezifisch mit der Inklusion zu tun.

Rumschwätzen kann man immer.

Zitat:
Hiervon abgesehen erschließt sich mir beim besten Willen nicht, inwiefern ein Schüler, der in einer Regelschule den Unterricht stört, dies in einer Förderschule nicht tun würde? Ich habe hier eher den Verdacht, dass es gar nicht um die Störung des Unterrichts an sich geht, sondern nur darum, sie von den eigenen Kindern fernzuhalten. Gemäß dem Prinzip: "Sankt Florian, Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd' andere an.


Das sagt der Richtige. Du bist es ja, der - heuchlerischer könnte man gar nicht sein - auf Teufel komm raus die Inklusion predigt, die realen Probleme verleugnet, die eigenen Kinder aber auf eine Privatschule schickt. Die negativen Auswirkungen sollen dann - wie üblich - halt die weniger Wohlsituierten tragen, über die du dich zusätzlich moralisch erheben kannst, wenn sie dies nicht möchten.

Im Übrigen ist offensichtlich, dass Förderschulen, die in der Regel wesentlich kleinere Klassen haben, speziell geschultes Personal, ganz andere Räumlichkeiten, keinen Frontalunterricht machen usw., viel eher geeignet sind, auf die Bedürfnisse solcher Kinder einzugehen als Regelschulen, so dass Störungen, die übrigens auch von schlichter Überforderung herrühren können, seltener auftreten und viel weniger dazu führen, den Unterricht auch zulasten aller anderen Kinder zu stören, die selbst ein Recht auf Bildung entsprechend ihren Fähigkeiten haben.

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 Betreff des Beitrags: Re: Inklusion - postfaktische Welt?
BeitragVerfasst: Samstag 3. Juni 2017, 15:03 
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Levi hat geschrieben:
sai hat geschrieben:
Levi hat geschrieben:
Wie bei den meisten Themen war auch hier nicht der Staat der Initiator sondern eine Avantgarde der Gesellschaft (insbesondere mit poststrukturalistischen oder konstruktivistischen Hintergrund).

Aber natürlich gehen solche Entwicklungen niemals von der Gesellschaft als Ganzes aus, sondern von einer kleinen intellektuellen Elite, die teilweise personenidentisch oder zumindest gut vernetzt ist mit der Verwaltungselite. Die Einbindung größerer Teile der Gesellschaft erfolgt erst sukzessive und deutlich später. Das ist aber bei allen Neuerungen so. Sie entstehen in den Köpfen einiger weniger gesellschaftlicher Vordenker und breiten sich von dort aus. "Die Gesellschaft" als Ganzes ist zu einem wissenschaftlichen, technischen oder sozialen Fortschritt unfähig.


Das widerspricht doch allem, was du vorher gesagt hast.

Du möchtest freie Eltern, die selbstbestimmte Entscheidungen treffen und keinen Paternalismus.
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(Vor)Denken und Entscheiden sind zwei völlig unterschiedliche Maßnahmen; insofern gibt deine Aussage nicht einmal ansatzweise meine Auffassung wieder.

Ich bin ein überzeugter Anhänger der repräsentativen Demokratie und halte überhaupt nichts von einer "Philosophen-Herrschaft" im Sinne Platons. Über gesellschaftliche Fragen verbindlich entscheiden, sollen allein die demokratisch gewählten Parlamente sowie die sonstigen vom Volk legitimierten staatlichen Organe (Exekutive und Jurisdiktion) - nicht irgendwelche Thinktanks oder NGOs.

Eine hiervon zu trennende Frage ist dagegen, wer die Ideen und Konzepte entwickelt, die später ggf. von den demokratisch legitimierten Organen aufgegriffen werden? Solange die Gesellschaft noch keinen Weg gefunden hat, ihre Gehirne in einem großen neuronalen Netzwerk zu verbinden, wird es zwangläufig immer so sein, dass neue Ideen (egal ob wissenschaftlicher, technischer, sozialer, kultureller oder gesellschaftlicher Natur) in den Köpfen einzelner Menschen entstehen und sich sodann im Dialog und Diskurs mit anderen Menschen weiterentwickeln.

Einige der so entwickelten Ideen setzen sich letztlich durch, die meisten anderen werden vergessen oder bleiben politisch bedeutungslos.

Dass am Anfang einer neuen Idee aber immer einzelne (wenige) Personen und ihre Gehirne stehen, ist eine biologische Notwendigkeit, und es gehört zur intellektuellen Redlichkeit dies einzugestehen.

Wer dagegen behauptet, bei der Verbreitung neuer Ideen nur die "Stimme des Volkes" zu sein und die Meinung "des Volkes" wiederzugeben, lügt sich im besten Falle selbst in die Tasche oder aber er betreibt billigen Populismus.

Auch über die Einführung der Inklusion in den Schulen haben letztlich nicht irgendwelche Thinktanks oder NGOs entschieden, sondern der Deutsche Bundestag und die Länderparlamente. Vorgedacht wurde er jedoch in der Gesellschaft.


Wie verträgt sich das denn mit deiner Forderung von oben, dass allein die Eltern bestimmen sollen, auf welche Schule das Kind gehen soll?


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