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 Betreff des Beitrags: Re: Durchziehen?
BeitragVerfasst: Donnerstag 13. Juli 2017, 11:17 
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Beiträge: 9
Vielleicht hilft ja die Betrachtung des Problems durch einen Außenstehenden.

Ich habe mir zunächst überlegt, ob das hier geschilderte Problem ernst gemeint ist. Aufgrund des Verlaufs der Diskussion glaube ich das inzwischen. Und wie soll ich es ausdrücken? Die meisten Menschen würden dich, Iuridicus, beneiden um deine Position.

Offensichtlich macht dir doch die Arbeit an sich Freude; du hast einen sicheren Arbeitsplatz, ein geregeltes Einkommen und beste Karriereaussichten. Und wenn die Abordnung wichtig für die Karriere ist, dann zieh das doch einfach durch für zwei oder drei Jahre.

Dass Unterforderung nicht gut für die Psyche ist, ist klar, ebenso wenig wie es Überforderung ist. Sprich das Problem doch elegant gegenüber dem Vorgesetzten an, wenn noch nicht geschehen; es muss doch Möglichkeiten geben, mehr Arbeit und mehr Verantwortung zu bekommen. Gibt es nichts, was du aus Eigeninitiative tun könntest? Oder sind die Strukturen so starr, dass das nicht möglich ist?

Ich bin kein Jurist und kenne daher die beschriebene Situation nicht und kann sie mir auch nicht lebhaft vorstellen. Aber ich würde viel darum geben, in einer solchen Situation zu sein - in vielerlei Hinsicht bin ich in der gegenteiligen Situation. Einen sicheren Arbeitsplatz habe ich als Arzt im Krankenhaus auch, aber ich fühle mich komplett überfordert, da ich schwerkranke, häufig multimorbide Patienten versorgen muss und mir dazu die nötige Erfahrung fehlt. Außerdem macht mir die Arbeit an sich keinen Spaß; so interessant die Medizin in der Theorie ist, so belastend und ernüchternd, ja geradezu menschenfeindlich, ist sie in der Praxis.

Ich arbeite häufig 80 Stunden die Woche, drei von vier Wochenende fallen durch Dienste weg, und alle zwei Wochen habe ich Nachtdienst, was die innere Uhr auf Dauer völlig durcheinanderbringt und ein Privatleben unmöglich macht. Oft ist der Arbeitsanfall so groß, dass eine adäquate Versorgung auch von Notfällen nicht mehr möglich ist, und Patienten mit potentiell lebensbedrohlichen Krankheitsbildern unversorgt warten müssen. Zeit für eine Pause, etwa zur Nahrungsaufnahme, bleibt da nicht; teilweise muss man sich auch den Klogang verdrücken. Man macht in einer solchen Drucksituation zwangsläufig Fehler, mit denen man selbst dann leben muss. Ohne Medikamente, etwa gegen Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Übelkeit, Durchfall oder auch Schlaftabletten und Antidepressiva geht es sowieso nicht.

Deswegen hatte ich mich vor zwei Jahren hier angemeldet - auf der verzweifelten Suche nach beruflichen Alternativen, aber letztlich hatte ich den Eindruck, zu alt für eine zweite Karriere, insbesondere für den Staatsdienst mit seinen Altersgrenzen, zu sein.

Ich würde viel darum geben, in eine Situation zu kommen, in der ich unterfordert bin und Zeit für anderes habe. Also: Sieh dich einmal um in der Welt und versuche wenigstens zu erkennen, wie privilegiert du bist. Das soll nicht arrogant klingen oder besserwisserisch, es ist nur ein Hinweis von jemandem, der in einer völlig anderen Situation ist, aber mindestens ebenso frustriert.


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 Betreff des Beitrags: Re: Durchziehen?
BeitragVerfasst: Donnerstag 13. Juli 2017, 15:24 
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Beiträge: 342
Ich verstehe euch beide - kenne beide Seiten gut, die der Über- und die der "Unterbelastung". Man sehnt sich regelmäßig immer nach dem jeweils anderen. Idealerweise trifft man den Mittelweg, dazu gehört aber eine gehörige Portion Glück.

Das macht euer Leiden nicht weniger berechtigt. Aber man darf eben nie aus den Augen verlieren, dass die meisten dieser Situationen vorübergehend sind und man sich zu anderen Zeiten nach einer derartigen Situation regelrecht sehnen würde.

@Nachtlicht: Das klingt in der Tat hart und dürfte so manch einem jammernden Juristen etwas Perspektive geben. Aber mal ganz naiv gefragt: Wieso machst du das denn mit? Du hast doch als Arzt jederzeit die Möglichkeit, in eine niedergelassene Praxis zu wechseln oder in einer Klinikabteilung zu arbeiten, die dich derartigen Extremen nicht aussetzt? Ich habe mehrere Ärzte im Bekanntenkreis, die geregelte Arbeitszeiten, gute Ausbilder und ein annehmbares Maß an Verantwortung haben. Wäre das bei dir denn durch einen Wechsel nicht auch machbar?


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 Betreff des Beitrags: Re: Durchziehen?
BeitragVerfasst: Freitag 14. Juli 2017, 10:51 
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Registriert: Freitag 16. Januar 2015, 00:57
Beiträge: 9
Themenfremd, weil ich direkt angesprochen wurde:

Solar hat geschrieben:
@Nachtlicht: Das klingt in der Tat hart und dürfte so manch einem jammernden Juristen etwas Perspektive geben. Aber mal ganz naiv gefragt: Wieso machst du das denn mit? Du hast doch als Arzt jederzeit die Möglichkeit, in eine niedergelassene Praxis zu wechseln oder in einer Klinikabteilung zu arbeiten, die dich derartigen Extremen nicht aussetzt? Ich habe mehrere Ärzte im Bekanntenkreis, die geregelte Arbeitszeiten, gute Ausbilder und ein annehmbares Maß an Verantwortung haben. Wäre das bei dir denn durch einen Wechsel nicht auch machbar?


Es hängt vom Fachgebiet und der Klinik ab.

In der Radiologie, Dermatologie oder Augenheilkunde hat man in der Regel ganz andere, bessere Arbeitszeiten als in den klassischen Fächern Chirurgie und Innere Medizin. Allerdings möchte man eben auch seinen Interessen folgen; für mich wäre eine Tätigkeit als Augenarzt, die im wesentlichen aus einer täglich abgespulten Routine mit Fließbandabfertigung möglichst vieler Patienten besteht, nichts. Das heißt nicht, dass ich Augenärzte nicht schätzen würde, aber für mich wäre das nichts.

Die Klinik spielt auch eine Rolle, wobei es hier im wesentlichen um die Frage der Größe des Hauses geht. In einem Haus der Maximalversorgung wird es in der Regel stressiger zugehen als in einem kleinen Kreiskrankenhaus. Will man aber als Chirurg komplexe OP-Methoden lernen und anwenden, oder als Internist akute Leukämien behandeln, geht das nur an einem Haus der Maximalversorgung.

Eine Niederlassung ist erst möglich, wenn man den Facharzttitel und am besten schon einige Erfahrung erlangt hat.


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 Betreff des Beitrags: Re: Durchziehen?
BeitragVerfasst: Freitag 14. Juli 2017, 11:03 
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Solar hat geschrieben:
Du hast doch als Arzt jederzeit die Möglichkeit, in eine niedergelassene Praxis zu wechseln


Eine Niederlassung ("Zulassung als Vertragsarzt") erfordert eine abgeschlossene Facharztausbildung und - jedenfalls in gesperrten Gebieten - den Abkauf eines Praxissitzes. Eine selbständige Tätigkeit ist zudem nicht für jeden etwas ...

Auch für eine Anstellung in einer Praxis oder - dann eher - einem MVZ wird in der Regel der passende Facharzt gefordert werden.

Solar hat geschrieben:
oder in einer Klinikabteilung zu arbeiten, die dich derartigen Extremen nicht aussetzt?


Das würde im Zweifel einen Fachwechsel bedeuten. Das muss man (a) wollen (nicht jeder Chirurg wäre auch gerne Hautarzt, und umgekehrt) und (b) muss man die Facharztausbildung im Zweifel neu beginnen.

Solar hat geschrieben:
Ich habe mehrere Ärzte im Bekanntenkreis, die geregelte Arbeitszeiten, gute Ausbilder und ein annehmbares Maß an Verantwortung haben.


Assistenz- oder Fachärzte?

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 Betreff des Beitrags: Re: Durchziehen?
BeitragVerfasst: Freitag 14. Juli 2017, 11:58 
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Nachtlicht hat geschrieben:
Es hängt vom Fachgebiet und der Klinik ab.


Meine Schwester arbeitet seit über 25 Jahren in der Pflege, so wie meine Mutter früher, nachdem sie ihren eigentlichen Beruf aufgab. Sie hatten tagtäglich mit der Intimpflege zu tun, doch erging es ihnen nie so wie Dir. Sie gewöhnten sich schnell an diese Art von Arbeit und erzählten stattdessen hingebungsvoll von den sterbenden Alten und Dementen, die ihnen am Herzen lagen. Meine Schwester beschwerte sich höchstens über andere Angestellte und ihre Konflikte mit der Chefetage, hielt sich da aber erfolgreich raus. Niemand ist so lange dort von den Angestellten. Meine Mutter wollte eigentlich Krankenschwester werden, wurde aber von ihrem Vater in einen anderen Beruf gedrückt, weshalb es ihr viel bedeutete, in den Jahren vor der Pensionierung noch in einem Pflegeheim arbeiten zu können, trotz Nachtschicht, dadurch verdiente sie mehr.

Was ich damit sagen will: Es scheint wirklich so, als ob Du die komplett falsche Berufsrichtung gewählt hast. Doch gibt es zum Glück sehr viele Möglichkeiten, dies innerhalb des weit gefächerten medizinischen Bereichs zu korrigieren, um Deinem Persönlichkeitsprofil zu entsprechen. Aber sollte Dich auch das nicht glücklich machen, würde ich keine Zeit verlieren und wenigstens nebenbei in eine andere Richtung studieren. Es gibt ja bereits einen eigenen Thread dazu. Und ich finde nicht, dass man mit 40 zu alt ist. Es gibt immer Möglichkeiten. Doch sollte man sich sicher sein und sich vor allem austesten in mehreren Praktika, damit man sich nicht wieder neue Illusionen macht. Der rein intellektuelle Typ neigt dazu, sich in einer konstruierten Welt einzuigeln, und erschrickt, wenn es dann um die reale, alltagstaugliche Umsetzungskompetenz geht.

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LG Candor


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 Betreff des Beitrags: Re: Durchziehen?
BeitragVerfasst: Freitag 14. Juli 2017, 12:16 
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Beiträge: 2436
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Candor hat geschrieben:
Sie hatten tagtäglich mit der Intimpflege zu tun, doch erging es ihnen nie so wie Dir. Sie gewöhnten sich schnell an diese Art von Arbeit und erzählten stattdessen hingebungsvoll von den sterbenden Alten und Dementen, die ihnen am Herzen lagen.


Das gibt Anlass zu zwei Bemerkungen:

Zum einen ist das eher nicht der Eindruck, den ich von der pflegerischen Tätigkeit in der Klinik, aber auch Pflegeheimen, (in Deutschland) gewonnen habe; dort ist der Alltag nämlich durchaus dadurch geprägt, dass für Zuwendung, aber auch für durchaus wichtige pflegerische Maßnahmen - Anhalten zur Flüssigkeitsaufnahme u.a. - keine zeitlichen Ressourcen vorhanden sind und nur notdürftig versorgt werden kann.

Zum anderen ist Zeitdruck in der Pflege das eine, die Belastung als Arzt, der die Verantwortung für die Versorgung möglicherweise kritischer Notfallpatienten trägt, noch einmal etwas ganz anderes. Wenn die Pflege überlastet ist und Patienten nicht genug trinken oder gar nicht rechtzeitig auf die Toilette begleitet werden können (wo man *das* Problem nicht eh durch Katheterisierung o.ä. löst), ist das sehr unschön für die Patienten und sollte - unter dem Gesichtspunkt einer menschenwürdigen Versorgung gerade auch alter und kranker Menschen - in jedem Fall vermieden werden. Es stirbt allerdings niemand daran und erleidet in der Regel auch keine dauerhaften Gesundheitsschäden. Insofern ist der Vergleich doch einigermaßen schief.

Candor hat geschrieben:
Es scheint wirklich so, dass Du die komplett falsche Berufsrichtung gewählt hast.


Es scheint eher so, dass die örtlichen Umstände eine verantwortungsvolle und befriedigende Ausübung des gewählten Berufs nicht ermöglichen. (Womit ich nicht sagen möchte, dass das ein Einzelfall ist. Das ändert daran aber nichts.

Candor hat geschrieben:
Doch gibt es zum Glück sehr viele Möglichkeiten, dies innerhalb des weit gefächerten medizinischen Bereichs zu korrigieren, um Deinem Persönlichkeitsprofil zu entsprechen.


Der Zusammenhang zwischen Personalmangel und Überbeanspruchung im ärztlichen Bereich und dem "Persönlichkeitsprofil" eines davon Betroffenen erschließt sich mir, ehrlich gesagt, in keiner Weise.

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 Betreff des Beitrags: Re: Durchziehen?
BeitragVerfasst: Freitag 14. Juli 2017, 12:23 
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@thh
Ich bezog mich auch auf den eigenen Thread von Nachtlicht, den Ekel, den er empfindet. Er schrieb selbst, dass er nicht der Typ dafür ist. Ich kenne einen Notfallarzt aus D, der ganz anders erzählt. Man muss schon der Typ für diese Art von Arbeit sein. Gut, wenn man rechtzeitig erkennt, wenn dem nicht so ist.

Einer meiner Brüder studiert auch alles Mögliche, aber sobald er wirklich in den gelernten Bereichen arbeitet, fühlt er sich überfordert. Er ist eher der theoretische Mensch, ein wandelndes Lexikon, er wäre wohl in einem Archiv oder in einer Bibliothek am besten aufgehoben. Er hat es akzeptiert und versucht nun, das Leben an sich anzupassen und sich nicht in etwas hineinzuzwängen, was einfach nicht funktioniert.

Mein verkopfter Bruder erinnert mich noch am ehesten an den Biologie-Professor, den ich kenne. @Nachtlicht: Das wissenschaftliche Arbeiten im biologischen und medizinischen Bereich wäre auf jeden Fall schon passender für den betont intellektuellen Typ.

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LG Candor


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 Betreff des Beitrags: Re: Durchziehen?
BeitragVerfasst: Montag 17. Juli 2017, 13:13 
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Ich meinte nicht die Niederlassung als selbständiger Arzt, sondern eine Anstellung bei einem niedergelassenen Arzt als Alternative zur Klinikanstellung. Zudem ist die Fortsetzung einer Facharztausbildung nach einer Anfangszeit in der Klinik meines Wissens auch in der Praxis möglich (so zumindest bei meiner Schwägerin der Fall, wenn ich das recht verstanden habe). Natürlich ist das weniger spannend aber sehr viel humaner.

Mein erwähnter Freundes- und Bekanntenkreis umfasst hauptsächlich Assistenzärzte in den Gebieten Radiologie, Kardiologie, Dermatologie und Neurologie. Nach kurzer harter Anfangsphase sind jetzt alle in geregelten Arbeitszeiten angekommen - bis auf eine auch alle noch in der Klinik. Einige unter ihnen haben wie du in für sie subjektiv zu belastenden Bereichen begonnen und sind nun nach einem Wechsel im neuen Fachbereich sehr zufrieden.

Ich will die Belastung in der Klinik nicht kleinreden aber mir scheint, du nimmst keine vernünftige Gesamtabwägung vor, sondern verbohrst dich blindlings in einen Fachbereich, der objektiv nichts für dich ist. Einerseits willst du unbedingt dort bleiben und dabei so viele Erfahrungen wie möglich machen, andererseits leidest du massiv unter den Bedingungen die damit zwingend verbunden sind. Augenarzt findest du langweilig (verstehe ich), gleichzeitig tust du aber so, als hätte der Themenersteller das glückliche Los gezogen, weil er die nächsten drei Jahre nur rumsitzen darf und nichts zu tun hat. Wenn du das so erstrebenswert fändest, könntest du ohne Weiteres in die von dir zitierte Augenmedizin gehen: Langweilig aber berechenbar. Wieso ist das schlimmer als das Problem des Themenerstellers?

Ich verstehe, dass man sich bestimmte Fachthemen besonders wünscht. Man kann aber bekanntlich nicht Alles haben. Wenn die Rahmenbedingungen in deinem Wunschbereich jedenfalls subjektiv derart unerträglich sind, kann dies das theoretische Fach-Interesse doch in der Gesamtabwägung nicht aufwiegen! Ich sag's mal so: Ich wäre gerne vorsitzender Richter am OLG mit vollständiger Unabhängigkeit, viel Verantwortung, einem Großkanzleigehalt, einer 40h-Woche und ausschließlich ausgesuchten Strafrechtsfällen, die alle spannend sind aber wenig bürokratischen Aufwand verursachen. Das garniert mit einem modernen, gut klimatisierten Arbeitsplatz und zwei Assistenten. Gibt's halt leider nicht. Also suche ich mir daraus die für mich wichtigsten Punkte aus und schaue, wo ich sie kombinieren kann. Man muss also eine Gesamtabwägung vornehmen und Kompromisse eingehen. Dazu gehört hier und da auch mal eine bittere Pille, über die man sich auch mal beschweren darf. Am Ende des Tages ist das aber eine bewusste Entscheidung, zu der man stehen muss und die einem das Recht zu Jammern nimmt.

Natürlich stellst du mit Recht dieses absurde System in Frage, bei dem junge und unerfahrene Ärzte in solche Extremsituationen (80h-Wochen, 24h-Schichten usw.) geworfen und damit vollkommen überfordert werden - und das in einem der sensibelsten Berufe überhaupt. Das kannst du aber leider nicht ändern. Daher hast du m.E. nicht nur eine Verantwortung gegenüber dir selbst, sondern auch gegenüber deinen Patienten, Konsequenzen zu ziehen und dir Gedanken über einen Fachbereichswechsel zu machen, wenn du tatsächlich so unglücklich bist. Du musst dich deshalb nicht ins Gegenextrem Augenoptik stürzen. Die oben genannten Bereiche sind sicherlich mitunter auch sehr spannend und abwechslungsreich. Eine weitere Variante wäre übrigens das Gesundheitsamt (da du mit dem Staatsdienst liebäugelst). Ehe du aber aus Verzweiflung anfängst, etwas Neues zu studieren, bleiben dir noch viele andere Möglichkeiten in deinem erlernten Beruf, die vielleicht inhaltlich weniger spannend sind aber bei denen du nicht völlig fertig nach Hause kommst und dich nur noch mit Antidepressiva (um Gottes Willen Mann! :eeeek:) und sonstiger Medikation über Wasser halten kannst.

Du bist als hochqualifizierter Mediziner in der glücklichen Situation, dass du die Wahl zwischen vielen verschiedenen Beschäftigungsmöglichkeiten hast. Wenn du mit einer dieser Möglichkeiten dauerhaft nicht klar kommst, dann gestehe dir das ein und wähle eine andere. Tust du das nicht, ist das eine bewusste Entscheidung für den Fachbereich mit all seinen Nachteilen. Diese Nachteile überwiegen dann für dich offenbar noch immer die Nachteile der anderen Fachbereiche, etwa die Langeweile in der Augenoptik, da du sonst wechseln würdest. Wenn das so ist, dann stehe dazu, akzeptiere die Nachteile und jammere nicht über den schrecklichen Beruf, den du jeden Tag freiwillig aufs Neue wählst, statt zu wechseln.

Ich habe aber aufgrund deiner Erzählungen eher das Gefühl, du bist aufrichtig unglücklich und hast schlicht Wechselpanik. Das kenne ich gut von vielen Freunden und Kollegen in den verschiedensten Berufen. Da kann ich dir nur raten, dich intensiv mit dem Gedanken auseinander zu setzen und dich ernsthaft mit Alternativen zu befassen. Du wirst sehen: Schlimmer kann es nicht werden und du wirst gut unterkommen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Durchziehen?
BeitragVerfasst: Dienstag 18. Juli 2017, 12:27 
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Wohnort: Ansbach
Ich würde als Mediziner ja das Medizincontrolling ins Auge fassen. Das ist dann nicht ganz so arg mit Menschen/Körperflüssigkeiten, Notfälle sind recht selten und jeder ist froh, dass sich einer gefunden hat, der´s macht. :-w
Wenn ich einen Gutachter für Krankenhausabrechnungssachen suche, dann wird teilweise schon mitgeteilt, es wäre das 38. Gutachten in der Warteschleife - Bearbeitungszeit mindestens bis Mitte 2018.

Und wenn man auch noch ein kleines Faible fürs Juristische hat, dann ist man dort auch ganz gut aufgehoben. ;) (Aber Leben retten ist schon auch ganz nett......)

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"Stirbt ein Bediensteter während einer Dienstreise, so ist damit die Dienstreise beendet."


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 Betreff des Beitrags: Re: Durchziehen?
BeitragVerfasst: Freitag 22. September 2017, 16:28 
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Registriert: Donnerstag 2. Juli 2009, 19:33
Beiträge: 323
Kurzes Update:

Ich habe abgebrochen. Nächste Woche habe Urlaub, dann kehre ich zum AG zurück.
Es ging einfach nicht mehr. 40 Stunden die Woche nur herumsitzen hat sehr an mir gezehrt. Ich dachte immer, es wird vielleicht besser, aber dies war nicht der Fall. Jetzt freue ich mich wieder auf die Tätigkeit als Richter.


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