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BeitragVerfasst: Donnerstag 23. Februar 2017, 12:22 
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Beiträge: 87
Vieles über das Interview ist ja bereits bekannt: Es besteht aus zwei Teilen; einem Gespräch über den eigenen Werdegang und Rollenspiel(en). Es werden drei Kandidaten pro Tag geladen; die Gespräche aber einzeln geführt. Niedersachsen lädt nur ein, wenn Bedarf besteht. Eine Stelle ist also auf jeden Fall frei. Sind mehr Kandidaten geeignet, kriegen die eben die nächsten freien Stellen. Erst wenn das Kontingent abgearbeitet ist, werden neue Interviews geführt.

Die Kommission besteht aus drei Mitgliedern. Bei mir saßen zusätzlich noch (ohne Stimmrecht) eine Vertreterin der "normalen" Richter und eine Beobachterin. Die Vertreterin war das Äquivalent zum Personalrat in anderen Gesprächen. Die Beobachterin sollte wohl demnächst Kommissionsmitglied werden und einfach einmal schauen, wie es so läuft. Beide haben aber nur still beobachtet.

In der Einladung wurde darauf hingewiesen, dass es bei dem Interview nicht um juristische Kenntnisse ginge, sondern acht bestimmte Fähigkeiten abgefragt werden würden. Dabei handelt es sich um
  1. Identifikation mit dem Auftrag der Justiz,
  2. Leistungsbereitschaft und Belastbarkeit,
  3. Fähigkeit zum Verhandeln und Ausgleich,
  4. Konflikt- und Entschlussfähigkeit,
  5. Kooperationsfähigkeit,
  6. Soziales Verständnis,
  7. Gerechtigkeitssinn und
  8. verantwortungsvolle Machtausübung.
Das wurde auch noch einmal zu Beginn des Gespräches wiederholt und konkretisiert: Die Kommission vergibt pro Kriterium null bis zwei Punkte. Insgesamt müssen mindestens zehn Punkte erreicht werden, um eine Einstellungszusage zu bekommen. Werden auch nur in einem Punkt keine Punkte vergeben, ist der Kandidat ungeeignet.

Zum Einstand in das Gespräch über meinen Werdegang durfte ich mich selbst vorstellen. Danach kamen Fragen.
Um sich auf das Gespräch vorzubereiten, sollte man sich den eigenen Lebenslauf sehr genau anschauen. Es wird hier häufig von Stressinterviews berichtet, bei denen einzelne Dinge sehr kritisch hinterfragt wurden ("Warum haben Sie nach der Ausbildung noch studiert? Sie hatten doch einen festen Job und gutes Geld!"). Ich habe das nicht so kritisch erlebt. Es gab natürlich nachfragen, aber insgesamt waren die eher interessiert als provozierend. Die Fragen fingen bei mir in der Kindheit an ("Welche Werte haben Ihre Eltern Ihnen vermittelt?") und endeten mit der Frage, warum ich heute auf dem Stuhl säße (mit anderen Worten: Warum will ich bei denen in die Justiz).

In das Gespräch eingeflochten waren die Fragen nach eigenen Stärken und Schwächen, wo ich mich zwischen Qualität und Quantität einordnen würde und ob ich mich selbst für geeignet für die Justiz halten würde. Ziemlich sicher kommen folgende Fragen: Wie haben Sie sich auf das Examen vorbereitet und hätten Sie rückblickend etwas anderes gemacht? Warum Jura? Gab es Alternativen? Warum Justiz? Gibt es Alternativen? Was machen Sie, wenn es nicht mit der Justiz klappt.
Auf alles das kann und sollte man sich vorbereiten. Vorrangig geht es da um die Frage, ob ich Entscheidungen bewusst treffe und ob ich in der Lage bin, Entscheidungen und Ergebnisse (selbst)kritisch zu reflektieren.

Vielleicht hatte ich eine nette Kommission, aber insgesamt hatte ich das Gefühl, dass keine Wunder verlangt wurden. Man muss aber auch sagen, dass das Gespräch kein Spaziergang war. Ich habe mich z. B. mittig zwischen Qualität und Quantität mit leichter Tendenz zur Qualität eingeordnet (auf einer Skala von 1-10 bei 6; die Skala hatten sie vorgegeben). Als ich erzählte, derzeit ca. 30 Std. zu arbeiten auf einer halben Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeitrer, wurde kritisch nachgefragt, ob es vielleicht daran läge, dass ich doch eher qualitätsorientiert sei. Da konnte ich erwidern, dass alle Kollegen so viel "drüber" liegen. Darauf kam noch einmal die kritische Anmerkung, dass ich gerade auch einen sehr überlegt-abwägend antwortenden Eindruck mache. Als ich sagte, dass mir der Job eben sehr wichtig sei und ich deswegen hier sehr stark abwäge, um nichts falschen zu sagen (im Alltag aber in Standardsachen flotter sei), war das auch gegessen. Man muss eben wissen, dass die einen kritisch prüfen und mit allen möglichen und unmöglichen Fragen rechnen.

Dazu noch ein guter Rat: Seid authentisch. Die merken, wenn jemand schauspielert. Ich habe es nicht probiert, bin mir da aber relativ sicher. Es schien auf jeden Fall nicht negativ angekommen zu sein, dass ich offenlegte, nervös zu sein und hier sehr stark abzuwägen, um ja nichts falsch zu machen, weil das Gespräch eine besondere Ausnahmesituation sei.

Danach wurde ich rausgeschickt, damit die Kommission (ca. zehn Minuten) beraten konnte. Mir wurde vorab gesagt, dass danach der Rollenspielteil käme, wenn ich nicht bereits gescheitert sei (null Punkte, s. oben). Das Gespräch sollte etwa 60 Minuten dauern, hat bei mir aber 75 Minuten gedauert.

Beim Rollenspiel wurde mir eine Situation beschrieben. Ich sollte erklären, wie ich vorgehen würde. Als ich das getan hatte, wurden Kommissionsmitglieder als "Schauspieler" vorgestellt und ich sollte meinen Lösungsvorschlag vorspielen.
Szene: Ich bin Strafrichter. Das OLG hat verfügt, einer meiner "Kunden" komme aus der U-Haft, weil er schon lange genug sitze, wenn ich nicht diese Woche terminiere. Seine Pflichtverteidigerin kann erst am Freitag um 13 Uhr. Es gibt eine Vereinbarung, dass freitags nach 12 Uhr nicht mehr verhandelt wird. Ich brauche einen Wachtmeister zum Vorführen und eine Geschäftsstellenmitarbeiterin als Protokollkraft. Was tue ich?
Ich habe geantwortet, dass ich mit den beiden reden würde. Darauf kam die (etwas überraschte) Rückfrage, ob ich es also nicht anordnen würde. Ehrlich gesagt hatte ich an die Möglichkeit gar nicht gedacht, was aber ja kein Problem war. Bin kurz drauf eingegangen und habe deutlich gemacht, reden zu wollen.
Also durfte ich mit den beiden Mitarbeitern reden. Die waren unglücklich ("Wozu gibt es die Regel, wenn davon immer abgewichen wird?", "Immer trifft es uns!"); ich habe sie beschwichtigt. Danach habe ich gefragt, ob sie freiwillig bereit wären (und betont, dass ich nicht anordnen würde, aber ihre Hilfe bräuchte). Da gab es dann gute Gründe; wir haben gemeinsam einen Kompromiss gefunden. Ende.

Anschließend musste ich direkt wieder raus. Nach circa fünf Minuten durfte ich wieder rein. Ich wurde gefragt, ob ich mit meinem Ergebnis zufrieden sei ("Prinzipiell ja, aber ... hätte ich noch etwas besser machen können; da hätten wir noch etwas länger spielen können.") und dann gab es direkt das Gesamtergebnis!

Auf das Rollenspiel kann man sich nicht vorbereiten. Ich hatte, denke ich, ein recht dankbares. Vor allem im Vergleich zu dem, was sonst so geboten werden kann (vgl. z. B. auch hier). Darauf kann man sich aber, glaube ich, nicht groß vorbereiten. Da aber bekannt ist, dass es um die acht obigen Kritierien geht, sollte man sich die genau angucken. Und dann kann man auch in der Situation überlegen, was davon wohl abgeprüft werden soll und worum es wohl geht. Ich habe aus dem Bauch heraus entschieden; das ist der natürlichste und damit im Zweifel beste Weg. Wenn man aber nicht weiß, was man tun soll, hilft der Rückgriff auf die Kriterien sicherlich!

Ich habe also nur ein einziges Rollenspiel gehabt. Anderorts ist regelmäßig von mehreren Szenen zu hören. Das mag bei mir aber an der fortgeschrittenen Zeit gelegen haben.

Von den drei Leuten, die in meinem Termin dran waren, wurden zwei genommen; eine Person hat es leider nicht geschafft.


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BeitragVerfasst: Donnerstag 23. Februar 2017, 13:14 
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Auch wenn es mich persönlich nicht betrifft: Vielen Dank!

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Die Atombombe ist kein Häschen, die Atombombe ist der Tod. (F.J. Wagner)


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BeitragVerfasst: Freitag 24. Februar 2017, 18:21 
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Klasse, toller Bericht!


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BeitragVerfasst: Samstag 25. Februar 2017, 14:15 
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=D>

Solche Berichte wünscht man sich öfter!

Beeindruckend, wieviel Mühe sich hier die Justiz bei der Auswahl ihres Nachwuchses gibt!


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BeitragVerfasst: Samstag 25. Februar 2017, 17:03 
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Spencer hat geschrieben:
Beeindruckend, wieviel Mühe sich hier die Justiz bei der Auswahl ihres Nachwuchses gibt!

Noch beeindruckender sind die Fähigkeiten der Mitglieder der Auswahlkommission: Nach einem 75-minütigen Gespräch können sie so unterschiedliche und teils diffuse Merkmale wie „Leistungsbereitschaft“ und „Gerechtigkeitssinn“ des Kandidaten einschätzen und auf einer Punkte-Skala (!) bewerten. Mit Verlaub, das ist doch schlicht Selbstbetrug.

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BeitragVerfasst: Samstag 25. Februar 2017, 17:26 
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Naja, man wird wohl annehmen, dass die Beurteiler diese Runden regelmäßig abhalten und über entsprechende Erfahrungen verfügen.

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BeitragVerfasst: Samstag 25. Februar 2017, 17:34 
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Beiträge: 889
Auch wenn du jeden Tag Kaffeesatz liest, werden die Prognosen nicht besser.

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BeitragVerfasst: Samstag 25. Februar 2017, 17:47 
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Mein Gott, was soll die Diskussion? Fakt ist, es gibt diesen Test in diesem und in anderen Ländern: Deal with it.

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BeitragVerfasst: Samstag 25. Februar 2017, 19:19 
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Beiträge: 849
Tibor hat geschrieben:
Mein Gott, was soll die Diskussion? Fakt ist, es gibt diesen Test in diesem und in anderen Ländern

Von welchem Test sprichst du? Bislang haben wir nur erfahren, dass die niedersächsische Justiz Hellseher beschäftigt, die aus einem kurzen Gespräch (mehr isses ja nicht) weitestreichende Schlussfolgerungen ziehen.

Nichts ist zu sagen gegen Vorstellungsgespräche, die dazu dienen, einen groben Eindruck vom Bewerber zu erhalten und damit gewisse soziale "Ausreißer" (ich hoffe, diese Formulierung ist diskriminierungsfrei) auszuschließen. Im Übrigen müssten dann die Examensnoten maßgeblich sein.

Wenn aber aufgrund eines Frage-Antwort-Spiels Charaktereigenschaften mit Punkten bewertet werden, empfinde ich das als pure Anmaßung. Ich würde mich schwer tun, derartige Bewertungen selbst für solche Personen abzugeben, die ich lange aus der dienstlichen Praxis kenne. Dass Kollege X. offenbar faul und Kollegin Y. erkennbar leistungsbereit ist: Geschenkt. Ob aber X. oder Y. über mehr "Gerechtigkeitssinn" (was immer eine Auswahlkommission darunter verstehen mag) verfügen: Keine Ahnung.

Tibor hat geschrieben:
Deal with it.

Nee, ich kämpfe weiter für eine bessere Welt.

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BeitragVerfasst: Sonntag 26. Februar 2017, 00:58 
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Beiträge: 1264
Ich muss dich leider enttäuschen: auch die Examensnote beruht auf der (punktuellen) Bewertung von Leistungen durch Menschen. Und wie sehr die bereits zwischen Erst- und Zweitbeurteiler divergieren kann, habe ich schon mehrfach selbst erfahren dürfen.

Man darf auch nicht vergessen ("75 minütiges Gespräch"), dass die Entscheider sich bereits ein breites Bild aus den (staatlichen) Stationszeugnissen gemacht haben werden. Wenn man den Job eine Weile macht und über ein wenig Menschenkenntnis verfügt, bekommt man zwar auch kein 100 % treffsicheres Ergebnis, sondern einen Näherungswert. Aber etwas Besseres fällt mir da auch nicht an.


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BeitragVerfasst: Sonntag 26. Februar 2017, 13:16 
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Beiträge: 849
Spencer hat geschrieben:
Ich muss dich leider enttäuschen: auch die Examensnote beruht auf der (punktuellen) Bewertung von Leistungen durch Menschen. Und wie sehr die bereits zwischen Erst- und Zweitbeurteiler divergieren kann, habe ich schon mehrfach selbst erfahren dürfen.

Man darf auch nicht vergessen ("75 minütiges Gespräch"), dass die Entscheider sich bereits ein breites Bild aus den (staatlichen) Stationszeugnissen gemacht haben werden. Wenn man den Job eine Weile macht und über ein wenig Menschenkenntnis verfügt, bekommt man zwar auch kein 100 % treffsicheres Ergebnis, sondern einen Näherungswert. Aber etwas Besseres fällt mir da auch nicht an.


Eine gewisse Differenz besteht aber schon zwischen der oben dargestellten pseudo-objektiven Charaktereinstufung auf einer Punkteskala und dem von dir erhofften "Näherungswert" aufgrund "ein wenig Menschenkenntnis".

Mich stören zwei Dinge:
Erstens - völlig unabhängig von der Frage, wie das ideale Einstellungsverfahren ausgestaltet sein sollte - die Selbstgewissheit und Arroganz von Leuten, die meinen, durch ein "Gespräch" in einer sozialen Ausnahmesituation Merkmale wie den "Gerechtigkeitssinn" eines Bewerbers ermitteln zu können.

Zweitens: Ich stimme natürlich zu, dass auch Jura-Examensergebnisse zu einem Teil auf Willkür beruhen. Trotzdem ist der Faktor der sozialen Selektion - in dem Sinne, dass derjenige einen Vorteil hat, der dem Beurteiler in Herkunft und Habitus ähnlich ist - zumindest bei den anonymen Klausuren ausgeschaltet.

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BeitragVerfasst: Sonntag 26. Februar 2017, 15:42 
Fossil
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Das niedersächsische System ist jedenfalls das krasse Gegenteil zum baden-württembergischen. Hier spricht man in einem Zweiergespräch und der zuständige Personalreferat fertigt dann eine Art Votum an den zuständigen Abteilungsleiter im Justizministerium, wobei man bereits im Gespräch signalisiert bekommt, was voraussichtlich im Anschluss passieren wird.

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BeitragVerfasst: Montag 27. Februar 2017, 13:29 
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Beiträge: 9
Aus aktuellem Anlass:

Kann jemand evt. von Erfahrungen zum Auswahlgespräch in Berlin berichten? Hier gibt es leider sehr wenig konkrete Informationen.

Bin für jeden Hinweis dankbar!


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BeitragVerfasst: Montag 27. Februar 2017, 14:18 
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Registriert: Donnerstag 23. Mai 2013, 16:15
Beiträge: 87
Urs Blank hat geschrieben:
Noch beeindruckender sind die Fähigkeiten der Mitglieder der Auswahlkommission: Nach einem 75-minütigen Gespräch können sie so unterschiedliche und teils diffuse Merkmale wie „Leistungsbereitschaft“ und „Gerechtigkeitssinn“ des Kandidaten einschätzen und auf einer Punkte-Skala (!) bewerten. Mit Verlaub, das ist doch schlicht Selbstbetrug.


Mir fallen da zwei Dinge ein:
  1. Viele Einstellungsgespräche dauern nicht viel länger. Trotzdem steht am Ende die Entscheidung, ob man den Kandidaten nimmt oder eben nicht. Ich halte es für sinnvoll, dass man zumindest definiert, was einem an den Kandidaten wichtig ist und das dann strukturiert abfragt. Dabei entsteht natürlich keine absolute Sicherheit. Es wird sicher Fehlentscheidungen in die eine oder andere Richtung geben. Aber die wird es bei jedem Auswahlverfahren geben; egal wie ausführlich es ist.
  2. Möglicherweise habe ich das unpräzise dargestellt: Das gesamte Interview dreht sich um diese Kriterien. Es wird zwar nicht direkt gefragt: Sind Sie kooperationsfähig? Aber genau das wird dann ja im Rollenspiel abgefragt. Oder bei der Leistungsbereitschaft: Dort kann man ja durchaus anhand des Lebenslaufes Rückfragen stellen (z. B. Was machen Sie neben dem Studium/Referendariat/Job so? oder Wie haben Sie sich auf das Examen vorbereitet?) und anhand derer bewerten, ob eine gewisse Leistungsbereitschaft erkennbar oder zu erwarten ist. Die Erkenntnisse bietet keine Garantie, aber zumindest einen Anhaltspunkt. Und für alles andere gibt es schließlich die Probezeit.


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BeitragVerfasst: Montag 27. Februar 2017, 14:38 
Fossil
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Registriert: Mittwoch 28. Juni 2006, 19:16
Beiträge: 14308
Ich kann aber Urs nur beipflichten: das Ganze nun in ein punktgenaues Schema pressen zu wollen ist doch nur Ausdruck einer formalistischen Hypertrophie gepaart mit einer krankhaften Selbstüberschätzungsbegierde. Niemand kann auf Seiten der Einstellungsbehörde leisten, was dieses System erfordert. Die Definitionsleistung als Fortschritt zu werten, weil man in der gleichen Zeit auch ohne Formalismus zum Ergebnis kommen kann, befremdet mich sehr: man muss doch deutlich sehen, dass diese Formalisierung zu einem erheblichen Teil nur einen Effektivitätsverlust des persönlichen Gesprächs als Folge hat. Anders gewendet: ich spreche mit einem Menschen eine Stunde lang. Nachher muss ich die Erkenntnisse zu einem Ergebnis zusammenfassen. Fragen wir uns doch einmal, welche Reibungsverluste hier entstehen, wenn ich dann auch noch den Formalimus der Punktevergabe beachten muss, wenn ich zu einem Votum komme.

NB: Ich habe jeden Respekt vor Kandidatinnen und Kandidaten, die diese seltsame Einstellungspraxis überstehen. Zu einer besseren und sozial kompetenteren Justiz führt das jedoch sicherlich nicht. Eher zu einem justizministerialen Bürokratiemonster.

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