Fragen zu abrechenbaren Stunden

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Daniel215
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Fragen zu abrechenbaren Stunden

Beitrag von Daniel215 » Freitag 13. August 2021, 13:32

Hallo liebes Forum!

Da ich neu hier bin, erst einmal ein herzliches „Moin“ in die Runde. Ich bin seit etwa einem Jahr als RA unterwegs. Aktuell bin ich noch im Bereich Immobilienwirtschaft tätig, wechsle zum Jahresende aber die Kanzlei und ins Gesellschaftsrecht (aktuelle und neue Kanzlei jeweils GK).

Was mich nach etwa einem Jahr Anwaltstätigkeit noch immer beschäftigt ist die Frage, was genau abzurechnen ist. Ich bin hier am Anfang übervorsichtig gewesen und habe bspw. immer die Uhr gestoppt, wenn ich mal zum Drucker oder aufs WC bin. Darüber hinaus habe ich die Uhr auch gerne mal „zurückgedreht“, wenn ich das Gefühl hatte, dass ich mich gedanklich gerade im Kreis gedreht oder eine Minute aus dem Fenster gestarrt habe. Schließlich habe ich mich bemüht, nur „wertschöpfende“ Arbeiten abzurechnen (als z.B. nicht bloß Organisatorisches). Im Ergebnis lag ich mit den abgerechneten Stunden wohl weit unter dem Durchschnitt, weswegen mich die Partner (freundlich) ins Gebet genommen haben.

Jetzt rechne ich großzügiger ab, habe bei manchen Sachen aber immer noch Bauchschmerzen. Beispiele:
  • Mails ohne konkreten Bezug zur eigenen Tätigkeit: Ihr kennt es sicher, dass einem an manchen Tagen dutzende Mails um die Ohren fliegen, die mit der eigenen Aufgabe wenig bis gar nichts zu tun haben. Trotzdem liest man sie (obwohl ich zunehmend selektiver vorgehe), weil einem ja eine Info durch die Lappen gehen könnte und man im nächsten Call wie ein Depp dasteht. Für das Lesen dieser Mails (samt Anlagen) gehen gerne mal 1-2 Stunden am Tag drauf. Rechnet ihr sowas ab? Ich habe mich dabei erwischt, dass ich die Uhr laufen lasse, wenn ich ohnehin gerade an dem Projekt arbeite, aber es mir zu peinlich ist, Zeit allein für das Lesen von Mails abzurechnen.
  • Arbeit von Referendaren/Wissenschaftlichen Mitarbeitern: Ich habe bei dem einen oder anderen Kollegen das Gefühl, dass sich auch gerne mal Arbeitszeit notiert wird, die eigentlich ein Trainee abgeleistet hat (wenn auch nicht im vollen Umfang). Das finde ich grenzwertig und habe es noch nie gemacht. Ist das normal?
  • Teambesprechungen: Es gibt interne Besprechungen, die den Mandanten weiterbringen, weil Ideen geboren werden. Es gib aber auch Besprechungen, in denen nur das wiederholt wird, was jeder weiß oder die primär der internen Projektorganisation dienen. Letzteres würde ich tendenziell nicht abrechnen. Mein Partner meint, dass ich es notieren soll, weil er es im Zweifel rausrechnet. Andererseits habe ich vom gleichen Partner schon einmal den Hinweis bekommen, dass man statt „discussion with team“ besser „working on xyz with …“ notieren soll. Ich könnte wetten, dass nach 2-3 Monaten nicht mehr nachvollziehbar ist, wann hier bloß Organisatorisches diskutiert worden ist.
Ich habe natürlich auch mit Teammitgliedern gesprochen und verschiedenes gehört. Von „alles abrechnen“ bis zu „genau differenzieren“ war alles dabei. Bei einigen Kollegen, insbesondere den selbsternannten „Billing-Champs“ (traurig, aber leider wahr), frage ich mich manchmal, wie die abgerechneten Stunden zustande kommen. Gemessen daran, dass diese regelmäßig nach mir kommen, vor mir gehen und gefühlt häufiger beim Plausch in der Kaffeeküche als im eigenen Büro anzutreffen sind, muss es im berüchtigten „Homeoffice“ ja ordentlich zur Sache gehen.

Die Partner wollen scheinbar, dass ich sehr großzügig bin. Daran halte ich mich jetzt erst einmal. Auch weil bei mir demnächst ein Kanzleiwechsel ansteht, würde mich aber wirklich interessieren wie ihr das handhabt. Eher großzügig oder penibel? Fremde Arbeit (z.B. Referendare) abrechnen?

Viele Grüße
Theopa
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Re: Fragen zu abrechenbaren Stunden

Beitrag von Theopa » Freitag 13. August 2021, 14:12

Die Grundfrage wäre: Was ist vertraglich geregelt?

Wenn in der Vergütungsvereinbarung bestimmte Tätigkeiten benannt sind ist alles andere natürlich auszklammern, wenn dort nur anwaltliche Tätigkeiten aufgeführt sind kann man typische Sekretariatsarbeit nicht abrechnen, etc.

Gibt es keine Einschränkungen würde ich schlicht jede Minute abrechnen, die der Förderung dieses Mandants dient, was vom E-Mail lesen über das Verfassen von Schreiben bis hin zu Meetings eigentlich sehr viel erfassen kann. Allgemeine Organisationsthemen ohne Bezug zu diesem Mandat sind natürlich ebenso außen vor wie die Kaffeepause bei der man nicht gerade explizit mit Kollegen über konkret relevante Punkte aus dem Mandant diskutiert o.ä.

Am Ende gilt aber natürlich: Wenn etwas nicht nachprüfbar ist wird beschissen. Ich will gar nicht wissen, wie viele Anwälte es gibt die von 9-19 Uhr da sind und dann 10 Billables abrechnen, da sie ja auch noch beim Mittagessen und auf dem Pott ganz ganz fest an das Mandat gedacht haben... ;)
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Re: Fragen zu abrechenbaren Stunden

Beitrag von Tikka » Freitag 13. August 2021, 16:57

Theopa hat geschrieben:
Freitag 13. August 2021, 14:12
Am Ende gilt aber natürlich: Wenn etwas nicht nachprüfbar ist wird beschissen. Ich will gar nicht wissen, wie viele Anwälte es gibt die von 9-19 Uhr da sind und dann 10 Billables abrechnen, da sie ja auch noch beim Mittagessen und auf dem Pott ganz ganz fest an das Mandat gedacht haben... ;)
So ist es.

Und lieber Threadstarter: Hier wird Dir keiner eine wirkliche Hilfe geben können.

Wie Du abrechnest ist ne komplizierte Dreieckskiste zwischen Deinem Gewissen, den Erwartungen des zuständigen Partners und dem Mandanten.
Currywurst mit Pommes ist einer der Kraftriegel der Facharbeiterin und des Facharbeiters in der Produktion.

Gerhard Schröder, Bundeskanzler 1998-2005
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Re: Fragen zu abrechenbaren Stunden

Beitrag von scndbesthand » Freitag 13. August 2021, 18:50

Tikka hat geschrieben:
Freitag 13. August 2021, 16:57
Theopa hat geschrieben:
Freitag 13. August 2021, 14:12
Am Ende gilt aber natürlich: Wenn etwas nicht nachprüfbar ist wird beschissen. Ich will gar nicht wissen, wie viele Anwälte es gibt die von 9-19 Uhr da sind und dann 10 Billables abrechnen, da sie ja auch noch beim Mittagessen und auf dem Pott ganz ganz fest an das Mandat gedacht haben... ;)
So ist es.

Und lieber Threadstarter: Hier wird Dir keiner eine wirkliche Hilfe geben können.

Wie Du abrechnest ist ne komplizierte Dreieckskiste zwischen Deinem Gewissen, den Erwartungen des zuständigen Partners und dem Mandanten.
Schön gesagt. Das erinnert Unterzeichner an das Bonmot einer von ihm früher sehr geschätzten Anwaltspersönlichkeit: „Kinder, bei uns könnt Ihr so viel verdienen, wie ihr wollt. Ihr müsst nur langsam genug arbeiten.“
"Der Versicherungsnehmer ist verpflichtet, bei Tod eine Sterbeurkunde vorzulegen." (Nr. 4.6 AVB Reiserücktritt)
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Re: Fragen zu abrechenbaren Stunden

Beitrag von OJ1988 » Freitag 13. August 2021, 18:54

Du musst deinen Partner glücklich machen, der Partner muss den Mandanten glücklich machen. Wenn man sich an dieser groben Marschrichtung orientiert und sich zugleich vor Augen führt, dass der Partner Stunden eben auch zusammenstreicht, wenn eine gewisse Plausibilität nicht gegeben ist, erledigen sich viele Fragen.
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Re: Fragen zu abrechenbaren Stunden

Beitrag von Daniel215 » Montag 16. August 2021, 09:29

Theopa hat geschrieben:
Freitag 13. August 2021, 14:12
Die Grundfrage wäre: Was ist vertraglich geregelt?

Wenn in der Vergütungsvereinbarung bestimmte Tätigkeiten benannt sind ist alles andere natürlich auszklammern, wenn dort nur anwaltliche Tätigkeiten aufgeführt sind kann man typische Sekretariatsarbeit nicht abrechnen, etc.
Guter und eigentlich naheliegender Punkt. Werde mal sehen, dass ich irgendwie einen Überblick bekomme, was in bestimmten Projekten vereinbart ist. Danke - hätte ich auch selber mal drauf kommen können.
Tikka hat geschrieben:
Freitag 13. August 2021, 16:57

Und lieber Threadstarter: Hier wird Dir keiner eine wirkliche Hilfe geben können.

Wie Du abrechnest ist ne komplizierte Dreieckskiste zwischen Deinem Gewissen, den Erwartungen des zuständigen Partners und dem Mandanten.
Habe ich fast erwartet. Vielleicht hat es den Post gebraucht, um einfach mal öffentlich Frust abzulassen :drinking: Wahrscheinlich muss man einfach etwas "abgebrühter" werden.

Danke für Eure Anmerkungen.
Herr Schraeg
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Re: Fragen zu abrechenbaren Stunden

Beitrag von Herr Schraeg » Montag 16. August 2021, 10:06

Daniel215 hat geschrieben:
Montag 16. August 2021, 09:29
Wahrscheinlich muss man einfach etwas "abgebrühter" werden.
Ja und nein.
Nein, soweit es um Deine zweite Fallgestaltung, also die "Übernahme" der fremden Arbeitszeiten in die eigene Zeiterfassung, geht. Falls das nicht ausdrücklich in den Vergütungsvereinbarungen geregelt sein sollte (was ich noch nirgends gesehen habe), ist das für mich schlicht Betrug und ein absolutes NO GO.
Ja, soweit es um den Zeitaufwand für das Lesen von mandatsbezogenen emails (wobei 2 h/d ohne konkreten Bezug zur eigenen Tätigkeit schon sehr viel ist, da musst Du tatsächlich selektiver werden) und Organisationsbesprechungen geht. Vielleicht hilft Dir die Überlegung, dass die Zeiterfassung primär, aber eben nicht nur Abrechnungszwecke verfolgt, sondern der Kanzlei auch die notwendigen Daten für die Binnenorganisation liefert (kleinere emailverteiler, weniger Organisationsbesprechungen usw).
gola20
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Re: Fragen zu abrechenbaren Stunden

Beitrag von gola20 » Montag 16. August 2021, 11:10

Wenn du den ganzen Tag 4 Handwerker im Haus hast, dann kriegst du auch 4*8h als Rechnung, ganz egal ob nur einer gearbeitet hat und 3 zugeschaut.
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