Sinnloses gegen schlechte Laune

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Re: Sinnloses gegen schlechte Laune

Beitrag von Liz » Sonntag 23. August 2020, 17:30

Theopa hat geschrieben:
Sonntag 23. August 2020, 16:56

Die Studie kann doch schon aufgrund der zeitlichen Beschränkung keine sinnvollen Ergebnisse liefern. Die Grundidee des BGE ist, dass man sein Leben entsprechend anders aufbauen kann wenn man nicht mehr zwingend auf Vollzeit in einem einigermaßen einträglichen Berufsfeld angewiesen ist. Kaum jemand wird aber seine Arbeitszeit langfristig reduzieren oder in eine andere Branche wechseln, wenn das Einkommen nach drei Jahren wieder wegfällt.
Umgekehrt wird man bei einer begrenzten Studiendauer tlw. auch einen "jetzt oder nie"-Effekt haben, weil man dann z. B. die Laufzeit der Studie dafür nutzen kann, einen Schulabschluss nachzuholen oder eine nicht oder nur schlecht vergütete Ausbildung zu machen oder sich irgendwelchen Herzensprojekten zu widmen. Einen solchen "Motivationsschub" dürfte es hingegen nicht geben, wenn es unbegrenzt für jedermann ein BGE gibt - zumal letzteres ja auch Auswirkungen auf die zugrundeliegenden Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen hätte.
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Re: Sinnloses gegen schlechte Laune

Beitrag von Tibor » Sonntag 23. August 2020, 17:33

Gerade nicht Nichtabkapselung der Probanden von der regulären Wirtschaft, vom üblichen Sozialleben und der Gemeinschaft macht doch das Projekt zur Farce. Ich bekomm x € auf die Hand und nutze Angebote von Menschen, die für die Erbringung der Leistungen ggf auch nur x € bekommen, aber die Leistung so nie erbringen würden, wenn sie die x € ohne Arbeit erhalten würden.
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Re: Sinnloses gegen schlechte Laune

Beitrag von Liz » Sonntag 23. August 2020, 18:49

Klar. Ich könnte, wenn man mir jeden Monat 1.200 € schenken würde, nur noch 80 % arbeiten und hätte trotzdem deutlich mehr Geld auf dem Konto (unterstellt, auf die 1.200 € fallen keine Steuern an). Ich glaube aber nicht, dass das so unter Realbedingungen funktionieren würde.
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Re: Sinnloses gegen schlechte Laune

Beitrag von OJ1988 » Sonntag 23. August 2020, 19:26

Irre ich mich, oder fällt da nach ca. der Hälfte der 3 Jahre Schenkungssteuer (iHv 30%) an, weil der Freibetrag von 20k überschritten ist?
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Re: Sinnloses gegen schlechte Laune

Beitrag von Omnimodofacturus » Sonntag 23. August 2020, 19:32

OJ1988 hat geschrieben:
Sonntag 23. August 2020, 19:26
Irre ich mich, oder fällt da nach ca. der Hälfte der 3 Jahre Schenkungssteuer (iHv 30%) an, weil der Freibetrag von 20k überschritten ist?
Das Wesen des Bedingungslosen Grundeinkommens ist natürlich, dass es steuerfrei ist.
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Re: Sinnloses gegen schlechte Laune

Beitrag von Urs Blank » Sonntag 23. August 2020, 19:39

Omnimodofacturus hat geschrieben:
Sonntag 23. August 2020, 19:32
OJ1988 hat geschrieben:
Sonntag 23. August 2020, 19:26
Irre ich mich, oder fällt da nach ca. der Hälfte der 3 Jahre Schenkungssteuer (iHv 30%) an, weil der Freibetrag von 20k überschritten ist?
Das Wesen des Bedingungslosen Grundeinkommens ist natürlich, dass es steuerfrei ist.
Aber doch nicht nach geltendem Recht, siehe § 7 Abs. 1 Nr. 1 ErbStG.
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Re: Sinnloses gegen schlechte Laune

Beitrag von markus87 » Sonntag 23. August 2020, 19:46

Der Trick ist, dass es viele Schenkende sind.

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Urs Blank
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Re: Sinnloses gegen schlechte Laune

Beitrag von Urs Blank » Sonntag 23. August 2020, 20:21

markus87 hat geschrieben:
Sonntag 23. August 2020, 19:46
Der Trick ist, dass es viele Schenkende sind.
In der Tat, die rechtliche Konstruktion sieht so aus, das Mein Grundeinkommen e. V. lediglich als Vermittler von Schenkungen fungieren soll:
Mein Grundeinkommen e. V. hat geschrieben:3. Zahlungen in den Grundeinkommenstopf

3.1 Zahlungen in den Grundeinkommenstopf erfolgen seitens des*der Unterstützers*Unterstützerin mit der Bedingung und Weisung, dass Mein Grundeinkommen e.V. diese Mittel, zusammen mit allen anderen Zahlungen in den Grundeinkommenstopf, treuhänderisch und getrennt von seinem übrigen Vermögen für die Unterstützer*innen verwaltet und an Empfänger*innen von Bedingungslosen Grundeinkommen als Schenkungen der Unterstützer*innen weiterleitet. Die Weiterleitung erfolgt anonym. Mein Grundeinkommen e.V. wird weder die Namen der Schenkenden den Begünstigten noch die Namen der Begünstigten den Schenkenden bekannt geben.

3.2 Die Unterstützer*innen ermächtigen Mein Grundeinkommen e.V., die Empfänger*innen ihrer Schenkungen unter den Bewerber*innen auszuwählen. Die Auswahl erfolgt derzeit durch Losentscheid oder - im Rahmen des “Pilotprojekt Grundeinkommen” - durch eine kontrollierte Zufallsauswahl nach repräsentativen Kriterien durch ein unabhängiges wissenschaftliches Forschungsinstitut.

3.3 Die Unterstützer*innen ermächtigen Mein Grundeinkommen e.V., die Höhe der Schenkungen zu bestimmen. Derzeit werden je Empfänger*in Grundeinkommen in Höhe von 12.000 €, zahlbar in 12 monatlichen Raten à 1.000 € verlost. Im Rahmen des “Pilotprojekt Grundeinkommen” werden solche in Höhe von €43.200 zahlbar in 36 monatlichen Raten á €1.200 gewährt.

3.4 Bei der Weiterleitung der Schenkungen gelten die zuerst eingegangenen Zahlungen als zuerst verwendet (first-in, first-out) und an alle Empfänger*innen der jeweiligen Weiterleitung gleichmäßig verteilt.

3.5 Die Unterstützer*innen verzichten auf Rückzahlungsansprüche hinsichtlich noch nicht weitergeleiteter Zahlungen in den Grundeinkommenstopf. Stellt Mein Grundeinkommen e.V. die Vergabe von Bedingungslosen Grundeinkommen endgültig ein, so kann ein verbleibender Restbetrag der treuhänderisch verwalteten Mittel, der kleiner ist als der Betrag eines zuletzt gewährten Grundeinkommens, dem Verein Mein Grundeinkommen e.V. zur Verfolgung seiner gemeinnützigen Zwecke zugewendet werden.
Ohne das jetzt im Einzelnen geprüft zu haben: Mir stellt sich die Frage, ob nicht (untechnisch formuliert) der sehr große Einfluss des Mein Grundeinkommen e. V. auf die Verteilung der eingehenden Gelder dazu führen dürfte, dass im Verhältnis zu den Empfängern nicht die Unterstützer, sondern der Verein als Schenker im Rechtssinne anzusehen ist.
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Re: Sinnloses gegen schlechte Laune

Beitrag von Tibor » Sonntag 23. August 2020, 20:56

Da die Probanden sicherlich berichten müssen, was sie wann gemacht haben, dürfte das Geld schlicht zu den Einkünften gehören. So richtig bedingungslos ist nur die Verwendung, nicht aber die Teilnahme per se.
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Re: Sinnloses gegen schlechte Laune

Beitrag von Strich » Montag 24. August 2020, 18:23

Tibor hat geschrieben:
Sonntag 23. August 2020, 17:33
Gerade nicht Nichtabkapselung der Probanden von der regulären Wirtschaft, vom üblichen Sozialleben und der Gemeinschaft macht doch das Projekt zur Farce. Ich bekomm x € auf die Hand und nutze Angebote von Menschen, die für die Erbringung der Leistungen ggf auch nur x € bekommen, aber die Leistung so nie erbringen würden, wenn sie die x € ohne Arbeit erhalten würden.
Ich verfolge das Projekt als Verfechter des BGE natürlich mit Spannung. Den Punkt halte ich für überlegenswert. Die Harz 4 Dynastien von Liz hingegen spielen für die Überlegung für oder gegen BGE eine so große Rolle, wie sie für oder gegen Harz 4 eine Rolle spielen. Mit denen mache ich dir jedes System madig.

Sinn des BGE ist in der Tat die Leute aus der Arbeitseinkommensabhängigkeit zu "befreien" damit Löhne wieder gleich ausgehandelt werden können.

Ich bin auf das Ergebnis der Studie gespannt. Ich vermute, dass die Leute der Studie schlau genug sind, die hier vorgebrachten Einwände zu berücksichtigen. Ob das das die Studie dann völlig wertlos macht, kann man m.E. jetzt nicht sagen. Dazu muss erst klar sein, ob und wenn ja aus welchen Gründen die Leute ihre Verhaltensweisen geändert haben und was sie davon zukünftig halten.
Stehe zu deinen Überzeugungen soweit und solange Logik oder Erfahrung dich nicht widerlegen. Denk daran: Wenn der Kaiser nackt aussieht ist der Kaiser auch nackt. Wahrheit und Lüge sind nicht Seiten der selben Medaille ... .
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Re: Sinnloses gegen schlechte Laune

Beitrag von Liz » Montag 24. August 2020, 20:58

Strich hat geschrieben:
Montag 24. August 2020, 18:23
Die Harz 4 Dynastien von Liz hingegen spielen für die Überlegung für oder gegen BGE eine so große Rolle, wie sie für oder gegen Harz 4 eine Rolle spielen. Mit denen mache ich dir jedes System madig.

Sinn des BGE ist in der Tat die Leute aus der Arbeitseinkommensabhängigkeit zu "befreien" damit Löhne wieder gleich ausgehandelt werden können.
Mir scheint eine Studie, die nur besonders motivierte Teilnehmer beinhaltet, nicht ernsthaft geeignet zu sein, einen Rückschluss darauf zu geben, was passiert, wenn ein BGE für die gesamte Bevölkerung einführt wird. Es wäre aber natürlich nicht im Interesse der Durchführenden, wenn herauskäme, dass die Hartz IV-Dynastie das Geld munter in jährlich neue Handys und maximal riesige Highend-Fernseher investiert, derjenige, der bislang mehr schlecht als recht von Gelegenheitsjobs gelebt hat, befreit vom Stress mit dem Jobcenter lieber auf dem heimischen Sofa abhängt, und die teuer ausgebildete Akademikerin ihr Geld lieber mit Yoga-Unterricht oder Strickkursen verdient.
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Re: Sinnloses gegen schlechte Laune

Beitrag von Freedom » Montag 24. August 2020, 21:10

Ich würde die ganze Debatte mit einem Wort beschreiben (Auch wenn ich zugeben muss, mich darüber nicht groß eingelesen zu haben): Naiv.

Ja, es gibt Menschen, die würden dann weniger arbeiten und ihre gewonnene Freizeit in Ehrenamtliches Engagement etc. stecken. Aber ganz ehrlich, stell dich doch mal in die U-Bahn oder setz dich abends in die Öffentlichkeit und hör den Leuten so zu, was du an Gesprächsfetzen so mitbekommst. Scheiss-Job, Scheiss-Chef, Scheiss-Arbeit. Netflix, Chillen und Bier trinken. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Wenn du nicht gerade in München wohnst, kannste mit dem Geld durchaus leben und den ganzen Tag deine Freizeit genießen. Warum dich kritisieren lassen, warum arbeiten müssen? Der Mensch ist Faul, der Mensch wird nicht gerne kritisiert.

Man muss schon ausgesprochen naiv sein und in einer eigenen Blase leben, das nicht zu erkennen. Allein schon das Wort "Work-Life-Balance" sagt doch schon alles. Wieso heißt es nicht "Selbstverwirklichung-Life-Balance"?
Zuletzt geändert von Freedom am Montag 24. August 2020, 21:15, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Sinnloses gegen schlechte Laune

Beitrag von Sektnase » Montag 24. August 2020, 21:14

Reichlich naiv, diese Sichtweise. Absoluter Reichtum ist doch völlig irrelevant, wenn überhaupt, dann geht es um relativen. Wenn jeder sich die 2000.- Uhr leisten kann, dann brauch man eben die für 4.000.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, deswegen geht er m.E. einfach genau so weiter arbeiten..

Nicht arbeiten kann man jetzt doch auch...
In einem Umfeld, in dem mittelschwere Hurensöhnigkeit häufig zum Stellenprofil gehört, muss einen nicht wundern, wenn man Scheiße behandelt wird. -Blaumann
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Re: Sinnloses gegen schlechte Laune

Beitrag von Freedom » Montag 24. August 2020, 21:17

"von kindlich unbefangener, direkter und unkritischer Gemüts-, Denkart [zeugend]; treuherzige Arglosigkeit beweisend".

Sorry aber die Definition passt perfekt auf Forscher, die in ihrer Blase leben, und glauben, dass der Mensch von Grund auf gut, fleißig und ehrlich ist.

Die Definition passt aber nicht auf jemanden, der darauf hinweist.
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Re: Sinnloses gegen schlechte Laune

Beitrag von Tibor » Montag 24. August 2020, 21:29

Wenn alle 1.000€ vom Staat bekommen, dann dürften doch die Preise generell steigen. Wenn der Vermieter weiß, dass alle Mieter nen Tausi mehr in der Tasche haben, dann will er die Miete erhöhen. Wenn der Bio-Bauer weiß, dass alle Kunden nen Tausi mehr in der Tasche haben, dann will er die Milch teurer machen. Wenn der Kneiper weiß, dass alle Gäste nen Tausi mehr in der Tasche haben, dann will er die Bierpreise erhöhen.
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