Gibt es in Deutschland noch Meinungsfreiheit?

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Seeker
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Re: Gibt es in Deutschland noch Meinungsfreiheit?

Beitrag von Seeker » Montag 10. Mai 2021, 12:32

Julia hat geschrieben:
Montag 10. Mai 2021, 12:14
Ich gendere mittlerweile auch, obwohl ich es anfangs blöd fand. Manchmal genügt auch einfach die Einsicht, dass es niemandem wehtut, und wenn sich stattdessen mehr Personen inkludiert fühlen - warum dann nicht einfach machen? Wer bin ich, darüber urteilen zu können, ob andere Personen sich dauerhaft ausgeschlossen fühlen?
Kann das der Maßstab sein? Wer entscheidet denn, wer sich ausgeschlossen fühlt und ab wann jemand, der sich darauf beruft, ein bestimmtes Verhalten oder Unterlassen verlangen darf? Wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der jeder, der sich selbst als betroffen oder verletzt bezeichnet (eine Kontrolle soll ja nicht stattfinden), jedem anderen die Sprache diktieren können soll?
Auch an das Lesen des * gewöhnt man sich; anfangs empfand ich es als den Lesefluss störend und verstellend, mittlerweile nehme ich schon eher wahr, wenn irgendwo nur das generische Maskulinum steht. Daran merkt man dann auch selbst, dass es mit dem "Mitmeinen und -lesen" wohl doch nicht so weit her war.
Das Gendern lenkt - schon durch den auffälligen Stern, der in unserer Sprache sonst fast nie auftaucht - in jedem Text die Aufmerksamkeit auf das Geschlecht. Das ist ja auch gerade gewollt. Das finde ich in mehrfacher Hinsicht problematisch: Zum einen überbetont es das Geschlecht, welches m.E. in einer idealen Gesellschaft überhaupt keine Rolle spielen sollte (abgesehen von Partnersuche usw.). Zum anderen rückt es die Hauptbotschaft des Textes in den Hintergrund. Wenn ich etwa einen Fachtext oder Zeitungsbericht lese, möchte ich über ein politisches Geschehen oder juristische Hintergründe informiert werden. Stattdessen stolpere ich dauernd über einen Genderstern, der mir mitteilen soll: übrigens, wichtig!, es geht hier immer auch um Frauen.

Abgesehen davon ist die Argumentation für das Gendern nicht durchzuhalten. Es inkludiert ja nur das Geschlecht, andere atypische Merkmale dagegen nicht. Wenn ich "Richter*in" lese, denke ich zwar vielleicht an eine Frau genau wie an einen Mann. Aber assoziiert der durchschnittliche Leser damit auch Richter und Richterinnen mit dunkler Hautfarbe, mit Kopftuch, mit 130 kg? Wohl kaum.

Werden diese nun alle nicht gesehen? Sollte man die Sprache entsprechend anpassen, sodass es hieße: "Richter*in/dick-dünn/aller Ethnien"? Oder ist die Inklusion nur für Frauen/Menschen anderes Geschlechts erforderlich?
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Blaumann
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Re: Gibt es in Deutschland noch Meinungsfreiheit?

Beitrag von Blaumann » Montag 10. Mai 2021, 12:52

Julia hat geschrieben:
Montag 10. Mai 2021, 12:14
Ich gendere mittlerweile auch, obwohl ich es anfangs blöd fand. Manchmal genügt auch einfach die Einsicht, dass es niemandem wehtut, und wenn sich stattdessen mehr Personen inkludiert fühlen - warum dann nicht einfach machen? Wer bin ich, darüber urteilen zu können, ob andere Personen sich dauerhaft ausgeschlossen fühlen?
Auch an das Lesen des * gewöhnt man sich; anfangs empfand ich es als den Lesefluss störend und verstellend, mittlerweile nehme ich schon eher wahr, wenn irgendwo nur das generische Maskulinum steht. Daran merkt man dann auch selbst, dass es mit dem "Mitmeinen und -lesen" wohl doch nicht so weit her war.
An den Universitäten setzt sich ein entsprechendes Bewusstsein auch immer mehr durch, und ich finde das gut.
Mit jedem zusätzlichen Wort in einem Satz sinkt dessen Verständlichkeit. Gleiches gilt für Störungen des Sprachflusses. Insofern ist die Behauptung absurd, es würde niemandem wehtun. Es tut allen weh, da die Sprache als unser wichtigstes Kommunikationsmittel beschädigt wird.

Dass Du dich inzwischen so konditioniert hast, dass es dich nicht mehr stört, beweist nichts. Mit genug Gewöhnung wird der größte Unfug selbstverständlich.

Und umgekehrt der vermeintliche Nutzen? Irgendwelche Leute fühlen sich vom generischen Maskulinium exkludiert? Die durchschnittliche Genderaktivistin hat ganz andere Probleme als die deutsche Sprache. Niemand, der bei Trost ist, käme privat auf die Idee, sich in seinem Verhalten den Gefühlen von Borderlinern anzupassen. Im gesamtgesellschaftlichen Kontext ist die Unterwerfung aber auf einmal ein Gebot des guten Benehmens.

Viel Spaß noch an der woken Universität. Gut, dass ich's hinter mir habe.
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Re: Gibt es in Deutschland noch Meinungsfreiheit?

Beitrag von Julia » Montag 10. Mai 2021, 13:10

Nun, ich würde schon bezweifeln, dass "die Sprache als unser wichtigstes Kommunikationsmittel beschädigt wird", nur, weil sie sich ändert (wie sie das schon immer tut). Für mich ist es mittlerweile einfach nur ein Fall von Rücksichtnahme auf Minderheiten, die ggfs. durch Dinge ausgeschlossen werden, die mir nicht auffallen. Ich habe irgendwann gelernt, dass es Barrieren gibt, die ich selbst nicht wahrnehme, weil sie mich nicht betreffen - in diesem Fall eben die Inklusion betreffend.
Um das mal zu übertragen: Ich habe mir früher auch nie Gedanken über Bordsteinkanten gemacht. Wenn du das nächste Mal irgendwo langläufst, kannst du mal darauf achten, was für Umwege man nehmen muss und Gebäude (lies: Geschäfte, Ämter, Ärzte) nicht besuchen kann, wenn man im Rollstuhl sitzt. Nur, weil mich diese Barrieren früher nicht betroffen haben, heißt es nicht, dass sie nicht existierten.
Menschen im Rollstuhl sind übrigens auch eine Minderheit, ebenso wie Trans*menschen. Eine gute Begründung, warum meine Bedürfnisse ernst genommen werden sollten, die einer Trans*person hingegen nicht, habe ich bisher noch nicht gelesen.

Über Gleichsetzung von "Genderaktivisten" und Borderlinern sage ich mal lieber nichts, zu "woke" ebenso wenig. Das Niveau ist mir zu billig. Vielleicht hast du noch was zu SJW? Dann hab ich mein Bullshitbingo für heute auch voll.
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Re: Gibt es in Deutschland noch Meinungsfreiheit?

Beitrag von joschijoschi » Montag 10. Mai 2021, 13:11

OJ1988 hat geschrieben:
Montag 10. Mai 2021, 12:28



Wer als Frau - um in deinem Beispiel zu bleiben - freiwillig nackt in eine 2mx5m Zelle geht, belegt von 10 Serien-Sexualstraftätern, weiß auch, was dann höchst vermutlich passieren wird, so dass die Vermutung nicht fern liegt, dass genau dieses Ergebnis auch beabsichtigt ist. Heißt aber nicht, dass das, was folgt, nicht trotzdem eine Straftat ist.
Der Vergleich gefällt mir, you made my day.

Palmer bei den Grünen (m/w/d) ist wie eine nackte Frau in einer Gefängniszelle mit 10 Serien-Sexualstraftätern :D :D :D

Wobei auch dieser geile Spruch zum Parteiausschluss führen würde, weil er vermutlich für eine Grün*In frauenfeindlich ist.
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Strich
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Re: Gibt es in Deutschland noch Meinungsfreiheit?

Beitrag von Strich » Montag 10. Mai 2021, 13:11

Seeker hat geschrieben:
Montag 10. Mai 2021, 12:32
Julia hat geschrieben:
Montag 10. Mai 2021, 12:14
Ich gendere mittlerweile auch, obwohl ich es anfangs blöd fand. Manchmal genügt auch einfach die Einsicht, dass es niemandem wehtut, und wenn sich stattdessen mehr Personen inkludiert fühlen - warum dann nicht einfach machen? Wer bin ich, darüber urteilen zu können, ob andere Personen sich dauerhaft ausgeschlossen fühlen?
Kann das der Maßstab sein? Wer entscheidet denn, wer sich ausgeschlossen fühlt und ab wann jemand, der sich darauf beruft, ein bestimmtes Verhalten oder Unterlassen verlangen darf? Wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der jeder, der sich selbst als betroffen oder verletzt bezeichnet (eine Kontrolle soll ja nicht stattfinden), jedem anderen die Sprache diktieren können soll?
Auch an das Lesen des * gewöhnt man sich; anfangs empfand ich es als den Lesefluss störend und verstellend, mittlerweile nehme ich schon eher wahr, wenn irgendwo nur das generische Maskulinum steht. Daran merkt man dann auch selbst, dass es mit dem "Mitmeinen und -lesen" wohl doch nicht so weit her war.
Das Gendern lenkt - schon durch den auffälligen Stern, der in unserer Sprache sonst fast nie auftaucht - in jedem Text die Aufmerksamkeit auf das Geschlecht. Das ist ja auch gerade gewollt. Das finde ich in mehrfacher Hinsicht problematisch: Zum einen überbetont es das Geschlecht, welches m.E. in einer idealen Gesellschaft überhaupt keine Rolle spielen sollte (abgesehen von Partnersuche usw.). Zum anderen rückt es die Hauptbotschaft des Textes in den Hintergrund. Wenn ich etwa einen Fachtext oder Zeitungsbericht lese, möchte ich über ein politisches Geschehen oder juristische Hintergründe informiert werden. Stattdessen stolpere ich dauernd über einen Genderstern, der mir mitteilen soll: übrigens, wichtig!, es geht hier immer auch um Frauen.

Abgesehen davon ist die Argumentation für das Gendern nicht durchzuhalten. Es inkludiert ja nur das Geschlecht, andere atypische Merkmale dagegen nicht. Wenn ich "Richter*in" lese, denke ich zwar vielleicht an eine Frau genau wie an einen Mann. Aber assoziiert der durchschnittliche Leser damit auch Richter und Richterinnen mit dunkler Hautfarbe, mit Kopftuch, mit 130 kg? Wohl kaum.

Werden diese nun alle nicht gesehen? Sollte man die Sprache entsprechend anpassen, sodass es hieße: "Richter*in/dick-dünn/aller Ethnien"? Oder ist die Inklusion nur für Frauen/Menschen anderes Geschlechts erforderlich?
Ich unterschreibe hier mal jeden Satz.

Ich bin zwar der Meinung, dass man heutzutage gendern muss, weil ich mich beim generischen Maskulinum auch frage, ob es jetzt nur Männer waren. Die Sternchen mögen auch noch irgendwie gehen, aber die Doppelpunkte sind halt der Superkrebs beim Lesen.
Ich lese im Kopf halt immer Richter ........ innen, wenn überhaupt. Viel häufiger ist, dass das innen einfach gedanklich wegfällt, weil man die die Sätze als Sätze und nicht als einzelne Worte erfasst.
Zuletzt geändert von Strich am Montag 10. Mai 2021, 13:14, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Gibt es in Deutschland noch Meinungsfreiheit?

Beitrag von Julia » Montag 10. Mai 2021, 13:13

Seeker hat geschrieben:
Montag 10. Mai 2021, 12:32
Abgesehen davon ist die Argumentation für das Gendern nicht durchzuhalten. Es inkludiert ja nur das Geschlecht, andere atypische Merkmale dagegen nicht. Wenn ich "Richter*in" lese, denke ich zwar vielleicht an eine Frau genau wie an einen Mann. Aber assoziiert der durchschnittliche Leser damit auch Richter und Richterinnen mit dunkler Hautfarbe, mit Kopftuch, mit 130 kg? Wohl kaum.

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Damit hast du natürlich Recht. Die perfekte Lösung für alle Probleme hat aber offenbar niemand, da halte ich es zumindest schon mal für einen guten Schritt, die Situation wenigstens einer Gruppe bzw. eines Aspekts zu verbessern.
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Re: Gibt es in Deutschland noch Meinungsfreiheit?

Beitrag von Strich » Montag 10. Mai 2021, 13:19

Nein Julia. Denkt man die Genderdebatte nämlich einmal metaphysisch fort, führt sie letztlich zum Individualismus, der schon im ausgehenden 16. und 17 Jahrhundert gedacht wurde:

Wir zersplittern die Gesellschaft in Gruppen: Homosexuelle, Schwarze, Transmenschen etc.

Diese Untergliederungen werden sich ebenfalls irgendwann "überleben" und durch weitere Untergliederungen ersetzt: Da gibt es dann die Trans-Banker, die Trans-Juristen und die Trans-Arbeitslosen etc etc.

Nachdem auch diese Kategorien nicht divers genug sind, wird man irgendwann feststellen, dass man allen nur dadurch gerecht werden kann, dass wir wieder einen Individualismus einführen, der durch die zuvor vorgenommene Gruppenbildung beseitigt wurde, weil "Gleichmachererei" immer auch Entindividualisierung ist.

Ich denke, ich werde die Renaissance des europäischen Individualismus auch noch erleben.
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Re: Gibt es in Deutschland noch Meinungsfreiheit?

Beitrag von Seeker » Montag 10. Mai 2021, 13:21

Ich würde sagen, die bessere Lösung wäre es, die Aufteilung von Menschen in Gruppen zu überwinden. Das kann aber nicht gelingen, wenn wir sie in unserer Sprache tagtäglich aufs Neue betonen.

Es mag so sein, dass wir momentan bei "Richter" noch immer primär an einen Mann denken. Man muss aber auch bedenken, dass über Jahrtausende nur Männer Richter waren. Das prägt Gesellschaft, Kultur und Sprache. Inzwischen sind wohl die meisten Richter Frauen. Das spiegelt sich zunehmend in unserer Gesellschaft und Kultur wieder, von Romanen bis hin zu Gerichtsshows.

Meine These wäre deshalb: die Sprache wird irgendwann auch die Realität widerspiegeln. Dann wird der durchschnittliche Leser bei "Richter" eben auch und genauso an eine Frau oder einen Mitbürger mit Migrationshintergrund denken. Das bedarf allerdings einer gewissen Zeit. Stattdessen die Sprache künstlich umzugestalten, ist keine sinnvolle Lösung. Unter anderem deshalb, weil, wie Strich betont, wir sonst wieder beim absoluten Individualismus landen.
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Re: Gibt es in Deutschland noch Meinungsfreiheit?

Beitrag von Strich » Montag 10. Mai 2021, 13:24

Oh wir landen da ganz sicher (wieder). Bisher sind alle linken (und ein paar rechte) Gegenbewegungen gescheitert.
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Re: Gibt es in Deutschland noch Meinungsfreiheit?

Beitrag von Julia » Montag 10. Mai 2021, 13:31

Beides gute Punkte, über die ich bei Gelegenheit mal noch genauer nachdenken und -lesen werde (insb. zum Individualismus). Danke für die Anregungen ;)
Stand jetzt bleibe ich aber erstmal beim Gendern, eben weil es mir, wie erwähnt, nicht weh tut, und für alles weitere werden wir sehen.
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Re: Gibt es in Deutschland noch Meinungsfreiheit?

Beitrag von OJ1988 » Montag 10. Mai 2021, 13:33

Seeker hat geschrieben:
Montag 10. Mai 2021, 13:21
Ich würde sagen, die bessere Lösung wäre es, die Aufteilung von Menschen in Gruppen zu überwinden. Das kann aber nicht gelingen, wenn wir sie in unserer Sprache tagtäglich aufs Neue betonen.

Es mag so sein, dass wir momentan bei "Richter" noch immer primär an einen Mann denken. Man muss aber auch bedenken, dass über Jahrtausende nur Männer Richter waren. Das prägt Gesellschaft, Kultur und Sprache. Inzwischen sind wohl die meisten Richter Frauen. Das spiegelt sich zunehmend in unserer Gesellschaft und Kultur wieder, von Romanen bis hin zu Gerichtsshows.

Meine These wäre deshalb: die Sprache wird irgendwann auch die Realität widerspiegeln. Dann wird der durchschnittliche Leser bei "Richter" eben auch und genauso an eine Frau oder einen Mitbürger mit Migrationshintergrund denken. Das bedarf allerdings einer gewissen Zeit. Stattdessen die Sprache künstlich umzugestalten, ist keine sinnvolle Lösung. Unter anderem deshalb, weil, wie Strich betont, wir sonst wieder beim absoluten Individualismus landen.
Richtig, das kann man gar nicht überbetonen. Schon heute werden alle Kinder, alle Jugendlichen beim Wort "Bundeskanzler" unterbewusst an eine Frau denken.
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Re: Gibt es in Deutschland noch Meinungsfreiheit?

Beitrag von OJ1988 » Montag 10. Mai 2021, 13:36

Julia hat geschrieben:
Montag 10. Mai 2021, 13:31
Beides gute Punkte, über die ich bei Gelegenheit mal noch genauer nachdenken und -lesen werde (insb. zum Individualismus). Danke für die Anregungen ;)
Stand jetzt bleibe ich aber erstmal beim Gendern, eben weil es mir, wie erwähnt, nicht weh tut, und für alles weitere werden wir sehen.
Wird dir das an der Uni nicht ohnehin vorgegeben, so dass du gar nicht anders kannst, als zu gendern?
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Re: Gibt es in Deutschland noch Meinungsfreiheit?

Beitrag von Julia » Montag 10. Mai 2021, 13:42

OJ1988 hat geschrieben:
Montag 10. Mai 2021, 13:36
Julia hat geschrieben:
Montag 10. Mai 2021, 13:31
Beides gute Punkte, über die ich bei Gelegenheit mal noch genauer nachdenken und -lesen werde (insb. zum Individualismus). Danke für die Anregungen ;)
Stand jetzt bleibe ich aber erstmal beim Gendern, eben weil es mir, wie erwähnt, nicht weh tut, und für alles weitere werden wir sehen.
Wird dir das an der Uni nicht ohnehin vorgegeben, so dass du gar nicht anders kannst, als zu gendern?
Nein. Natürlich sollte man jedenfalls "Studentinnen und Studenten" oder ähnliches schreiben, einen irgendwie gearteten Zwang oder gar eine Dienstanweisung habe ich bisher aber noch nicht gesehen.
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Gibt es in Deutschland noch Meinungsfreiheit?

Beitrag von Liz » Montag 10. Mai 2021, 13:46

Julia hat geschrieben:
Seeker hat geschrieben:
Montag 10. Mai 2021, 12:32
Abgesehen davon ist die Argumentation für das Gendern nicht durchzuhalten. Es inkludiert ja nur das Geschlecht, andere atypische Merkmale dagegen nicht. Wenn ich "Richter*in" lese, denke ich zwar vielleicht an eine Frau genau wie an einen Mann. Aber assoziiert der durchschnittliche Leser damit auch Richter und Richterinnen mit dunkler Hautfarbe, mit Kopftuch, mit 130 kg? Wohl kaum.

Werden diese nun alle nicht gesehen? Sollte man die Sprache entsprechend anpassen, sodass es hieße: "Richter*in/dick-dünn/aller Ethnien"? Oder ist die Inklusion nur für Frauen/Menschen anderes Geschlechts erforderlich?
Damit hast du natürlich Recht. Die perfekte Lösung für alle Probleme hat aber offenbar niemand, da halte ich es zumindest schon mal für einen guten Schritt, die Situation wenigstens einer Gruppe bzw. eines Aspekts zu verbessern.
Ich denke, es tut niemandem weh, wenn in Rundschreiben u. ä. anstelle von „Liebe Kollegen und Kolleginnen“ eine anders gegenderte Anrede verwendet wird. Im Übrigen tue ich mich ehrlich gesagt schwer mit der Forderung, es müsse immer und überall gegendert werden, nur damit klar ist, dass man auch wirklich, wirklich alle mitmeint. Die Existenz eines generischen Maskulinums, das per se alle mitmeint, hat sprachlich durchaus seine Berechtigung und führt zu lesbaren Texten, ohne dass man ggf noch weitere Wörter anpassen muss (und sich vertiefte Gedanken darüber machen muss, wen man alles mit Unterstrich, Sternchen oder Doppelpunkt genau mitmeint). Und ob es die Welt wirklich besser und gerechter macht, wenn man wie eine Kollegin von mir in der Akte (sprich intern) notiert: „VW: 4 Wochen (Zeug:innenladung)“?
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Re: Gibt es in Deutschland noch Meinungsfreiheit?

Beitrag von Blaumann » Montag 10. Mai 2021, 13:48

Julia hat geschrieben:
Montag 10. Mai 2021, 13:10
Nun, ich würde schon bezweifeln, dass "die Sprache als unser wichtigstes Kommunikationsmittel beschädigt wird", nur, weil sie sich ändert (wie sie das schon immer tut).
Wenn Sprache für die Durchschnittsbevölkerung schlechter verständlich wird, dann wird sie beschädigt. Was soll es da zu deuteln geben?
Menschen im Rollstuhl sind übrigens auch eine Minderheit, ebenso wie Trans*menschen. Eine gute Begründung, warum meine Bedürfnisse ernst genommen werden sollten, die einer Trans*person hingegen nicht, habe ich bisher noch nicht gelesen.
Auf die Bedürfnisse eines Gehbehinderten einzugehen, erfordert eine Anpassung der objektiven Verhältnisse. Er braucht eine Rampe, also bau ich ihm eine. Das "Ernstnehmen" der Bedürfnisse einer "Transperson" erfordert hingehen, dass ich seine Störung internalisiere. Ich soll die Realität verleugnen und so tun, als wäre er eine Frau. Was er nicht ist und niemals sein wird. Das Eingehen auf seine pathologischen Bedürfnisse erfordert demnach eine Unterwerfung unter seine Psychopathologie.
Über Gleichsetzung von "Genderaktivisten" und Borderlinern sage ich mal lieber nichts, zu "woke" ebenso wenig. Das Niveau ist mir zu billig.
Was nicht heißt, dass es nicht stimmt. Wer's nicht glaubt, der möge durch die Hallen einer "Gender-Studies"-Fakultät gehen und sich selbst ein Bild machen.
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