Fluthilfen

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Herr Schraeg
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Fluthilfen

Beitrag von Herr Schraeg » Montag 9. August 2021, 13:32

Bei allem Verständnis für Menschen, die gerade ihr Heim verloren haben, nervt mich doch etwas die gelegentlich auftauchende Empörung der Betroffenen über das Versagen der Politik, die es nicht schaffe, den Betroffenen zwei Wochen nach der Katastrophe das Geld für den Wiederaufbau oder zumindest die verbindliche und summenmässig fixierte Zusdage zukommen zu lassen. Aber vermutlich kann man rationales Verständnis in einer solchen Ausnahmesituation nicht erwarten.

Aber diese Verstimmung führt mich zu einer anderen, zugegeben provokanten Frage: Warum sollten denn Eigentümer von durch die Flut zerstörten Eigenheimen überhaupt entschädigt werden? Klar, wenn Fehler der öffentlichen Hand bei der Warnung, die kausal den Schaden verursacht haben, vorlagen. Wiederaufbau der Infrastruktur und Hilfen für Betriebe gehen für mich auch in Ordnung. Aber sonst? Die meisten der betroffenen Eigenheime lagen in Gebieten, bei denen eine Elementarversicherung erhältlich gewesen wäre, deren Prämien man sich aber sparen wollte. Wo eine solche Versicherung nicht möglich war, kannte man das Risiko und hat es in Kauf genommen, wenn man in den letzten zehn, zwanzig Jahren dort entsprechend billiger gekauft oder gebaut hat. Entschädigungswürdig sind für mich allenfalls die Fälle, in denen man das seit langer Zeit dort stehende Haus geerbt hatte.

Aber im Wahlkampf will sich eben niemand als hartherzig zeigen.
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Re: Fluthilfen

Beitrag von Sektnase » Montag 9. August 2021, 14:20

Was ist die Frage?

Verstehe nicht, wieso Erben bevorzugt werden sollten, ganz im Gegenteil. Ansonsten Stimme ich zu.
In einem Umfeld, in dem mittelschwere Hurensöhnigkeit häufig zum Stellenprofil gehört, muss einen nicht wundern, wenn man Scheiße behandelt wird. -Blaumann
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Re: Fluthilfen

Beitrag von Seeker » Montag 9. August 2021, 15:29

Herr Schraeg hat geschrieben:
Montag 9. August 2021, 13:32
Aber diese Verstimmung führt mich zu einer anderen, zugegeben provokanten Frage: Warum sollten denn Eigentümer von durch die Flut zerstörten Eigenheimen überhaupt entschädigt werden? Klar, wenn Fehler der öffentlichen Hand bei der Warnung, die kausal den Schaden verursacht haben, vorlagen. Wiederaufbau der Infrastruktur und Hilfen für Betriebe gehen für mich auch in Ordnung. Aber sonst? Die meisten der betroffenen Eigenheime lagen in Gebieten, bei denen eine Elementarversicherung erhältlich gewesen wäre, deren Prämien man sich aber sparen wollte. Wo eine solche Versicherung nicht möglich war, kannte man das Risiko und hat es in Kauf genommen, wenn man in den letzten zehn, zwanzig Jahren dort entsprechend billiger gekauft oder gebaut hat. Entschädigungswürdig sind für mich allenfalls die Fälle, in denen man das seit langer Zeit dort stehende Haus geerbt hatte.
Überrascht dich das wirklich? Wir schalten ja auch Atomkraftwerke ab, weil es in Japan einen Tsunami gab. Derartige politische Entscheidungen beruhen in den seltensten Fällen auf utilitaristischen oder (rechts-)ökonomischen Erwägungen.

Das delegitimiert Kritik daran natürlich nicht, aber echte Empörung würde Überraschung voraussetzen.
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Re: Fluthilfen

Beitrag von Theopa » Montag 9. August 2021, 16:12

Ich kann auch nicht so ganz nachvollziehen, wie man diese Hilfen begründen möchte: Weiß jemand nach welcher konkreten Rechtsgrundlage hier vorgegangen wird?

Natürlich wurden viele schwer getroffen, am Ende ist es aber rein rational gesehen nur der Ausfall einer Investition, bei der man aufgrund einer persönlichen Lebensentscheidung das ganz erhebliche Klumpenrisiko bewusst in Kauf genommen hat. Bei Erben gilt das ebenso, diese hätten das Haus auch verkaufen können. Vom Thema der Versicherung hat man dann noch gar nicht angefangen, eine hinreichende Hausratversicherung sollte ohnehin absolut jeder der oberhalb des Existenzminimums lebt haben und bei den Elementarversicherungen gibt es mE auch nur eine eher geringe "Opferquote" im Sinne von Personen, die unverschuldet in die Lage geraten sind sich so eine Versicherung wirklich nicht leisten zu können bzw. unvorhersehbar in eine nicht versicherbare Zone gerutscht sind. Da dürfte sich die Notwendigkeit für Hilfen dann doch ergeben.

In der Folge muss man sich fragen, wieso dann z.B. Wirecard-Aktionäre nicht ebenfalls Hilfsfonds bekommen? Auch dort gibt es einige, die durch ein (falsches da einseitiges) Investment viel bis alles verloren haben und auch dort steht ein dem vorgehendes staatliches Fehlverhalten im Raum.

Natürlich spricht absolut nichts gegen zinslose und ohne lange Prüfung vergebene Übergangskredite für diejenigen, die von Versicherungen hingehalten werden und gewisse - auch einmal unbürokratische und damit ggf. zu teure - Übergangslösungen im Sinne der Obdachenlosenunterbringung.
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Re: Fluthilfen

Beitrag von Liz » Dienstag 10. August 2021, 08:43

Einen Grund, Erben zu bevorzugen, kann ich jetzt auch nicht erkennen. Wenn ich am Fluss in Hochwasserlage ein Haus erbe, dann muss ich mir eben die richtige Versicherung dazu leisten, wenn ich nicht das Risiko eingehen möchte, mein Erbe und mein sonstiges Hab und Gut einzubüßen.

Im Übrigen scheint es mir eine Frage der Leistungsfähigkeit des Staates und des gesellschaftlichen Zusammenhalts zu sein, inwieweit man denen hilft, die in der Katastrophe verschuldet ohne adäquaten Versicherungsschutz dastehen. Mir scheint es durchaus problematisch zu sein, wenn diejenigen, die jahr(zehnt)elang teure Prämien gezahlt haben, im Ernstfall praktisch keinen Vorteil haben (wobei ja die Versicherungen wohl bemüht sind, schnell und unkompliziert zu helfen, um zu zeigen, dass es doch Sinn macht, sich richtig zu versichern).
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Re: Fluthilfen

Beitrag von Herr Schraeg » Donnerstag 12. August 2021, 12:06

Eigentlich wollte ich provozieren und etwas Leben in die Bude bringen. Und jetzt bleibt alles sachlich und zustimmend. :( Vielleicht sollten wir mal über Justiz vs.GK, obrigkeitsgläubige Deppen vs. coronaleugnende Idioten oder die Aussagekraft jristischer Examina diskutieren?
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Re: Fluthilfen

Beitrag von Tikka » Donnerstag 12. August 2021, 12:19

Herr Schraeg hat geschrieben:
Donnerstag 12. August 2021, 12:06
Eigentlich wollte ich provozieren und etwas Leben in die Bude bringen. Und jetzt bleibt alles sachlich und zustimmend. :( Vielleicht sollten wir mal über Justiz vs.GK, obrigkeitsgläubige Deppen vs. coronaleugnende Idioten oder die Aussagekraft jristischer Examina diskutieren?
=D>

Finde ich eine super Idee. Ich befürchte nur wir sind alle zu alt geworden für solche Themen. Und es gibt auch kaum noch GK-ler hier. :)

Ansonsten wäre natürlich auch schön die Frage zu diskutieren in welchem Bundesland das Examen am schwersten war. Wobei wir uns natürlich alle einig sind dass unser "echtes" Examen, selbst wenn es aus Hamburg kam, natürlich x-mal soviel wert ist wie das heutige Waldorfschulen-Examen mit universitärem Schwerpunktgedöns! :D
Currywurst mit Pommes ist einer der Kraftriegel der Facharbeiterin und des Facharbeiters in der Produktion.

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Re: Fluthilfen

Beitrag von Mia » Donnerstag 12. August 2021, 16:30

Herr Schraeg hat geschrieben:
Donnerstag 12. August 2021, 12:06
Eigentlich wollte ich provozieren und etwas Leben in die Bude bringen. Und jetzt bleibt alles sachlich und zustimmend. :( Vielleicht sollten wir mal über Justiz vs.GK, obrigkeitsgläubige Deppen vs. coronaleugnende Idioten oder die Aussagekraft jristischer Examina diskutieren?
Das Empörungspotential hast du wohl überschätzt. Ich wüsste auch nicht, weshalb jemand Geld für ein neues Eigenheim bekommen sollte. Mir wäre jedenfalls neu, dass ein Haus mittlerweile zum lebensnotwendigen Mindeststandard gehört. Ein paar tausend Euro Soforthilfe erscheinen mir nachvollziehbar, aber alles was an Forderungen und privaten Go fund mes deutlich darüber hinausgeht ist etwas befremdlich.
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Re: Fluthilfen

Beitrag von Herr Schraeg » Freitag 13. August 2021, 09:35

Mia hat geschrieben:
Donnerstag 12. August 2021, 16:30
Das Empörungspotential hast du wohl überschätzt.
Offensichtlich. Ich habe mich wohl von den tränenreichen Berichten über die Familien, die alles verloren haben und jetzt ungeduldig auf die Wiederaufbauhilfen warten,in die Irre führen lassen.
Tikka hat geschrieben:
Donnerstag 12. August 2021, 12:19
Wobei wir uns natürlich alle einig sind dass unser "echtes" Examen, selbst wenn es aus Hamburg kam, natürlich x-mal soviel wert ist wie das heutige Waldorfschulen-Examen mit universitärem Schwerpunktgedöns!
Klar, unsere Examina waren noch richtig schwer. Wir mussten noch mit Savigny persönlich um das Abstraktionsprinzip ringen ("Fritz, können wir das nicht weglassen? Zu kompliziert, versteht kein Schwein").
Tikka hat geschrieben:
Donnerstag 12. August 2021, 12:19
Und es gibt auch kaum noch GK-ler hier.
Ja und? Fehlende Sachkenntnis und mangelnde Vertrautheit mit der Materie hindern hier im Forum doch niemanden am vehementen Vertreten von pointierten Standpunkten.
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Re: Fluthilfen

Beitrag von Tibor » Freitag 13. August 2021, 11:47

Ich find das Thema gar nicht so doof, weil viele Bürger da wohl wirklich erwarten, dass der Staat ein neues Haus baut und alle Renovierungen zahlt. Hier wird man wohl - selbst im best case - nicht umhin kommen, einen Abzug neu für alt vorzunehmen (ggf. auf Ratenzahlung) und den ersparten Aufwand für nicht inanspruchgenommene Versicherungen der Vorjahre abzuziehen. Was man als Fluthilfen ausgeben kann, ist natürlich Verdienstausfall für Arbeitnehmer oder Stützung von Unternehmern (Übernahme Betriebsaufwand). Aber auch bspw. der Ersatz eines Warenlagers darf nicht zu windfallprofits führen (Neubestellung auf Staatskosten unter Weglassung der Ladenhüter, über deren Untergang man nicht traurig ist).
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Re: Fluthilfen

Beitrag von Mia » Freitag 13. August 2021, 12:30

Ich sehe schon nicht wieso es überhaupt nennenswerte Summen dafür geben sollte (ab von Kredithilfen). Wenn man schlechte Investitionsentscheidungen trifft (erstmal ganz egal warum) hat man das Ergebnis doch im Normalfall selbst zu tragen. Das ist im Einzelfall sicher eine erhebliche Härte, aber doch grundsätzlich nichts was regelmäßig vergesellschaftet wird. Es gibt sehr viele Menschen, die sich kein Haus kaufen können bzw. es nicht tun, weil sie nicht die finanziellen Mittel haben es zu halten, wenn was schief geht.

Ich finde auch man sollte nicht nur den Vergleich mit denen ziehen, die sich teuer versichert haben, sondern generell mit allen. Wenn der Staat genug Geld über hat, um jedem ein Haus zu schenken, sollten wir doch mal reden.
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Re: Fluthilfen

Beitrag von Zippocat » Freitag 13. August 2021, 13:38

Mia hat geschrieben:
Freitag 13. August 2021, 12:30
Ich sehe schon nicht wieso es überhaupt nennenswerte Summen dafür geben sollte...
Hauseigentümer sollen 80 Prozent der Kosten erstattet bekommen
Hauseigentümer erhalten 80 Prozent der Kosten erstattet, die für die Wiederherstellung ihrer zerstörten Gebäude notwendig wären. In Härtefällen sollen auch 100 Prozent entschädigt werden.
[...]
Bei ihren Hilfen orientieren sich Bund und Länder an einer Elementarversicherung. Wer von den Betroffenen eine solche schon abgeschlossen hat, bekommt aus dem staatlichen Fluthilfefonds die Differenz bis zur vollständigen Erstattung der Schäden ausgezahlt.
D. h., selbst wer eine Elementarversicherung abgeschlossen hat, wird dennoch entschädigt, bis er bei 100% ist? :-k
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Re: Fluthilfen

Beitrag von scndbesthand » Freitag 13. August 2021, 14:37

Das heißt bei einer Zeitwertversicherung, bei Unterversicherung, bei Anspruchskürzung wegen Obliegenheitsverletzung, bei Abzügen wegen Selbstbeteiligung etc. wird die Versicherungsleistung vom Staat bis 100% Neuwert (abzgl. Restwert, meist 0) aufgefüllt.

Fehlt eine Versicherung völlig, gibts 80% des Neuwertes.

Klingt fair.
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Re: Fluthilfen

Beitrag von Zippocat » Freitag 13. August 2021, 14:56

scndbesthand hat geschrieben:
Freitag 13. August 2021, 14:37
Das heißt bei einer Zeitwertversicherung, bei Unterversicherung, bei Anspruchskürzung wegen Obliegenheitsverletzung, bei Abzügen wegen Selbstbeteiligung etc. wird die Versicherungsleistung vom Staat bis 100% Neuwert (abzgl. Restwert, meist 0) aufgefüllt.

Fehlt eine Versicherung völlig, gibts 80% des Neuwertes.

Klingt fair.
Hat der Staat das in früheren Zeiten denn bei anderen Elementar-Versicherungsnehmern, denen von ihrer Versicherung nach Hochwasser und Orkan usw. nach Leistung ein Delta geblieben ist, auch gemacht? Das Topic war ja: warum überhaupt? Und jetzt soll selbst bei denen, die nicht unversichert sind, ein ggf. verbleibender Restschaden sozialisiert werden?
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Re: Fluthilfen

Beitrag von Theopa » Freitag 13. August 2021, 14:58

Investitionsplan: Erdgeschosswohnungen in Passau kaufen, renovieren, als neu renoviert teuer vermieten, alle paar Jahre von Donau/Inn durchspülen lassen und auf Kosten der Allgemeinheit neu renovieren, etc.
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