Möglichkeiten als Diplomjurist?

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Melanie-Kneip
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Möglichkeiten als Diplomjurist?

Beitrag von Melanie-Kneip »

Hallo zusammen,

Ich denke zur Zeit darüber nach, ob ich das zweite Examen noch machen möchte.
Eigentlich tendiere ich eher dazu es nicht zu machen.
Allerdings war mein erstes Examen sehr schlecht.
Hatte inklusive Schwerpunkt 5,2 oder sowas.
Was hätte ich denn so für Möglichkeiten damit relativ gut zu verdienen?
Ich weiß gar nicht, was damit so in Betracht käme.
Ich habe aber relativ hohe Ansprüche.
2500€ Netto wäre meine Schmerzgrenze.
Ist das überhaupt machbar oder sollte ich unter den Umständen doch lieber versuchen das zweite Examen zu schaffen?
Habe gehört Zoll oder Sozialversicherung sollte wohl ganz gut machbar sein?
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Schnitte
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Re: Möglichkeiten als Diplomjurist?

Beitrag von Schnitte »

Da die Frage seit langem einer Antwort harrt, versuche ich es als davon Betroffener mal – wobei ich aber davor warnen muss, meine eigene Erfahrung zu verallgemeinern.

Ich hatte ein gutes (im engeren Sinne) erstes Examen, aber das Referendariat nie absolviert und bin daher ohne zweites. Beruflich bin ich damit gut untergekommen, nämlich als EU-Beamter in der Rechtsabteilung einer EU-Behörde, wo ich vollwertige juristische Arbeit leiste (weil nämlich die Kollegen aus aller Herren Länder kommen und daher auf nationale Besonderheiten wie das Referendariat, das es andernorts nicht gibt, kein Wert gelegt wird). Gehaltsmässig bewegt sich das, zumindest netto (und darauf kommt es an), in GK-vergleichbaren Regionen, weil man als EU-Beamter von der deutschen Einkommensteuer und den Sozialversicherungsabgaben befreit ist. Es ist auch angenehm international.

Dennoch warne ich davor, das zu verallgemeinern. Verglichen am deutschen juristischen Arbeitsmarkt insgesamt sind solche Stellen rar und nicht leicht zu bekommen; meine Berufserfahrung ist recht spezialisiert, und ich hatte das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, nämlich die gefragte Spezialisierung zu haben, als besagte Behörde innerhalb kurzer Zeit viele Stellen zu besetzen hatte. Langfristig planen lässt sich sowas kaum.

Demgegenüber sind die traditionellen Berufsbilder für deutsche “Halbjuristen” andere: Journalismus, Sachbearbeiter bei Versicherungen, Quereinstieg in den gehobenen Beamtendienst (oft aber noch mit zusätzlicher, wenn auch gegenüber Nichtjuristen verkürzter, Ausbildung), vielleicht auch mal hier und da Justitiar bei einem kleineren Verband oder Unternehmen. Leben kann man davon sicher, auch ganz gut, und die genannten 2500 netto sollten sich machen lassen. Aber oft genug landen die Betroffenen dann bald auf einer Sackgassenstelle ohne Aufstiegs- oder Weiterentwicklungschancen und bereuen es, das Zweite nicht zu haben.

Auch in der Berufspolitik gibt es zahlreiche Halbjuristen, aber das lässt sich noch viel weniger planen und folgt ohnehin eigenen Regeln.
"Das Vertragsrecht der Bundesrepublik Deutschland und die gesetzlich vorgesehenen Möglichkeiten, die Erfüllung von Verträgen zu erzwingen [...], verstoßen nicht gegen göttliches Recht."

--- Offizialat Freiburg, NJW 1994, 3375
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Re: Möglichkeiten als Diplomjurist?

Beitrag von Sebast1an »

Der Einstieg in den gehobenen Dienst einer Bundes- oder Landesbehörde (oder Ministerium) erfordert als Diplomjurist in der Regel keine Zusatzausbildung. Im gD finden sich für Diplomjuristen zahlreiche, offene Stellen, bei denen sie sehr gerne gesehen sind.
Ich bin auch nur ein Mensch. Genauso wie ein Weißer Hai auch nur ein Fisch ist. (Zlatan Ibrahimović)
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Strich
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Re: Möglichkeiten als Diplomjurist?

Beitrag von Strich »

Ich zitiere mich einfach mal:

Möglichkeiten mit dem 1.Staatsexamen
Stehe zu deinen Überzeugungen soweit und solange Logik oder Erfahrung dich nicht widerlegen. Denk daran: Wenn der Kaiser nackt aussieht ist der Kaiser auch nackt ... .
- Daria -

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Re: Möglichkeiten als Diplomjurist?

Beitrag von scndbesthand »

Kurzfassung: Mit einem schlechten ersten Examen spricht Viel dafür, das Zweite auch zu versuchen. Gute Chancen, immerhin zu bestehen, wenn man von Anfang an am Ball bleibt. Dann gibt es wiederum Chancen, auf besseren Positionen einzusteigen, anstatt später ein Leben lang zu versauern.
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Re: Möglichkeiten als Diplomjurist?

Beitrag von Schnitte »

Wenn überhaupt keine Lust auf Referendariat vorhanden ist, dafür aber internationales Interesse, und der Beruf juristisch sein soll, wäre es vielleicht eine Überlegung wert, den englischen Solicitor zu machen. Habe dazu hier einen kleinen Beitrag geschrieben: Englischer Solicitor: Neues System zur Erlangung der Zulassung
"Das Vertragsrecht der Bundesrepublik Deutschland und die gesetzlich vorgesehenen Möglichkeiten, die Erfüllung von Verträgen zu erzwingen [...], verstoßen nicht gegen göttliches Recht."

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Seb
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Re: Möglichkeiten als Diplomjurist?

Beitrag von Seb »

Huhu,

also ein ähnliches Schicksaal trifft aktuell auch mich, wenngleich meine Ausgangssituation noch "schlechter" ist.

Leider hat´s mit dem 1.Examen nicht geklappt, meine "Vorbereitung" war einfach murks und aufgrund jahrelanger Pause (Pflege eines sehr nahen Familienangehörigen) fehlte mir hierzu die Kraft ...

Jedenfalls habe ich das Glück mir an der Universität Trier einen LL.B. in Rechtswissenschaften nahezu komplett anerkennen zu lassen.
Meine Noten im Studium waren ganz ordentlich und auch der Schwerpunkt war sehr stabil.

Kurzum:

Es gibt durchaus einen Arbeitsmarkt für Juristen im nicht traditionellen Sinne (1+2 Examen).
Meistens sind die Stellenanzeigen an LL.B./LL.M. und Diplomjuristen ausgeschrieben. Dort gibt es vor allem viele Sachen von Unternehmen aller Art. Meist geht es um Positionen wie "Contract-Manager" und insbesondere um Compliance Geschichten.
In den GK sowie Boutiquen (gerne Spinn-Off Kanzleien) und Big 4 Prüfungsgesellschaften werden diese Spezies auch regelmäßig gesucht. Rechtsdienstleistungen lassen sich auch dort ausdifferenzieren. Dort ist man dann regelmäßig mit Projektarbeit betraut, aber auch kernjuristisch, auch wenn es vermutlich nicht das Hochreck sein wird.
Berufsbezeichnungen lauten dort oft "Wirtschaftsjurist/Transaction Lawyers/Transaktionsjurist/Buisness Lawyer". Mittlerweile gibt es hierfür auch bei vielen Kanzleien eigene Karriere Tracks, auszugsweise namentlich genannt seien hier Gleis Lutz, CMS oder aber auch Hogan Lovells. Gehaltsmäßig liegt man naturgemäß weit unter dem Anwaltssektor, gleichwohl lässt sich gut von leben. Je nach Qualifikation und Erfahrung steigt man da wohl ab 45+ ein, mit viel Erfahrung (im Rahmen des Tracks) schafft man es dann aber auch gerne auf die berühmten 80-100k, dass dann aber wie gesagt erst als "Legal Manager"... (ohne Gewähr, reine Recherche im Netz..)
Gern gesehen und gesucht werden auch Leute als "Legal Engineer", falls eventuell hierfür eine gewisse Neigung bestehen sollte.

Mein Weg wird nach dem LL.B. wohl über einen LL.M. laufen, mit Schwerpunkt auf das Steuerrecht. Dadurch lasse ich mir am Horizont noch den Steuerberater offen, womit man in den GK dann auch regelmäßig noch auf den gewohnten Associate Track kommen kann... (Gleichsam für die Steuerberatungsgesellschaften/Wirtschaftsprüfungsgesellschaft etc. pp.) (Vielleicht komme ich aber auch viel später doch nochmal ins traditionelle deutsche System über ein Anerkennungsverfahren (ausländischer juristischer Abschluss) zurück ^^ aber wer weiß, vielleicht öffnet sich ja in 20 Jahren auch in Deutschland der Markt dem LLB/LLM System? Ausschließen kann man nichts, auch wenn es stand heute sehr unrealistisch ist..)

Also: heutzutage ist es bei weitem nicht so schlimm wie vielleicht vor 20-30 Jahren. Eine gewisse Anpassungsfähigkeit/Flexibilität schadet vermutlich nicht.

Alles Gute für den weiteren Weg!
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