Kreuzverhör in Deutschland

Straf-, Strafprozeß- und Ordnungswidrigkeitenrecht sowie Kriminologie

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Legally Confused
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Kreuzverhör in Deutschland

Beitrag von Legally Confused »

Guten Morgen, ich studiere zwar nicht in Deutschland, bin aber schon sehr interessiert an Strafrecht.
In England oder Amerika ist das Kreuzverhör Gang und Gebe und dort dürfen nur Suggestivfragen im Kreuzverhör gestellt werden.

In Deutschland gibt es laut StGB (Paragraf kenne ich nicht) auch ein Kreuzverhör es soll aber sehr selten sein, wie ich gelesen habe.

Warum ist es so selten?
Und wie läuft ein Kreuzverhör in Deutschland ab?
Welche Fragen werden dort gestellt bzw. wie unterscheiden sich die von den Fragen, die man im Zivilprozess gestellt bekommt?

Welche Regeln gibt es dafür eigentlich in Deutschland?

Können in einem Zivilprozess auch Fragen aus dem Kreuzverhör werden?

Und: Lernt eigentlich jeder deutsche Anwalt wie man ein Kreuzverhör durchführt oder nur Strafrechtler?

Ich bin schon gespannt auf eure Antworten!

Viele Grüsse,
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Ara
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Re: Kreuzverhör in Deutschland

Beitrag von Ara »

Die Antwort ist kurz und ernüchternd: Es gibt faktisch kein Kreuzverhör in Deutschland. Daher "lernt" es auch niemand und es weiß auch keiner, über die gesetzlichen Regelungen hinausgehend, wie das abläuft.

Der Grund ist ganz einfach: Es müsste Verteidigung und Staatsanwaltschaft übereinstimmend den Antrag auf Kreuzverhör stellen. Solch eine Einigkeit ist kaum denkbar.

Der Normalfall der Zeugenvernehmung ist ja, dass zuerst der Richter all seine Fragen stellt. Anschließend stellen Staatsanwaltschaft und Verteidigung ihre Fragen. Das Kreuzverhör stellt nur die Reihenfolge des Fragerechts um. In vielen Fällen ist es sogar so, dass von der Staatsanwaltschaft und Verteidigung gar keine Fragen mehr an den Zeugen kommen, weil der Vorsitzende schon alles erfragt hat.

Daher kommt es ja schon theoretisch nur dann in Betracht, wenn Staatsanwaltschaft und Verteidigung sich einig sind, dass der Vorsitzende es nicht mal im Ansatz hinbekommt einen Zeugen richtig zu befragen. Und der Vorsitzende so schlecht befragt, dass das weitere Fragerecht danach es auch nicht mehr retten kann. Das ist selten der Fall und wenn es solch einen Totalausfall bei einem Richter doch geben sollte, würde es vermutlich eher Befangenheitsgründe geben und man würde den Richter insgesamt austauschen.
Die von der Klägerin vertretene Auffassung, die Beeinträchtigung des Wohngebrauchs sei durch das Zumauern der Fenster nur unwesentlich beeinträchtigt, ist so unverständlich, dass es nicht weiter kommentiert werden soll. - AG Tiergarten 606 C 598/11
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thh
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Re: Kreuzverhör in Deutschland

Beitrag von thh »

Legally Confused hat geschrieben: Sonntag 26. Mai 2024, 03:50 In Deutschland gibt es laut StGB (Paragraf kenne ich nicht) auch ein Kreuzverhör es soll aber sehr selten sein, wie ich gelesen habe.

Warum ist es so selten?
Weil im deutschen Strafprozess der Vorsitzende nicht primär der Schiedsrichter zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung ist, die sich beide mit ihren Fragen und Stellungnahmen an die Schöffen respektive Geschworenen wenden, sondern selbst den Sachverhalt erforscht. Danach bleiben meistens nicht mehr viele sinnvolle Fragen offen.

Das hat sich bewährt.
Legally Confused hat geschrieben: Sonntag 26. Mai 2024, 03:50Und wie läuft ein Kreuzverhör in Deutschland ab?
Welche Fragen werden dort gestellt
Die Fragen ändern sich nicht wesentlich, weil sich ja auch die Anforderungen an diese Fragen - egal wer sie stellt - nicht ändern.
Legally Confused hat geschrieben: Sonntag 26. Mai 2024, 03:50Und: Lernt eigentlich jeder deutsche Anwalt wie man ein Kreuzverhör durchführt oder nur Strafrechtler?
Das lernt niemand, weil es weitgehend irrelevant ist.
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Re: Kreuzverhör in Deutschland

Beitrag von Legally Confused »

Ara hat geschrieben: Sonntag 26. Mai 2024, 16:05 Die Antwort ist kurz und ernüchternd: Es gibt faktisch kein Kreuzverhör in Deutschland. Daher "lernt" es auch niemand und es weiß auch keiner, über die gesetzlichen Regelungen hinausgehend, wie das abläuft.

Der Grund ist ganz einfach: Es müsste Verteidigung und Staatsanwaltschaft übereinstimmend den Antrag auf Kreuzverhör stellen. Solch eine Einigkeit ist kaum denkbar.

Der Normalfall der Zeugenvernehmung ist ja, dass zuerst der Richter all seine Fragen stellt. Anschließend stellen Staatsanwaltschaft und Verteidigung ihre Fragen. Das Kreuzverhör stellt nur die Reihenfolge des Fragerechts um. In vielen Fällen ist es sogar so, dass von der Staatsanwaltschaft und Verteidigung gar keine Fragen mehr an den Zeugen kommen, weil der Vorsitzende schon alles erfragt hat.

Daher kommt es ja schon theoretisch nur dann in Betracht, wenn Staatsanwaltschaft und Verteidigung sich einig sind, dass der Vorsitzende es nicht mal im Ansatz hinbekommt einen Zeugen richtig zu befragen. Und der Vorsitzende so schlecht befragt, dass das weitere Fragerecht danach es auch nicht mehr retten kann. Das ist selten der Fall und wenn es solch einen Totalausfall bei einem Richter doch geben sollte, würde es vermutlich eher Befangenheitsgründe geben und man würde den Richter insgesamt austauschen.

Danke, das ist wirklich sehr interessant.
Aber warum wurde das dann mal gesetzlich geregelt, dass es theoretisch ein Kreuzverhör in Deutschland geben könnte.

Und unterscheidet sich eigentlich die Art wie gefragt wird im deutschen Strafrecht vom Zivilrecht?

Oder ist das dann einfach in ersterem schärfer als in letzterem?
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Re: Kreuzverhör in Deutschland

Beitrag von Legally Confused »

thh hat geschrieben: Sonntag 26. Mai 2024, 18:09
Legally Confused hat geschrieben: Sonntag 26. Mai 2024, 03:50 In Deutschland gibt es laut StGB (Paragraf kenne ich nicht) auch ein Kreuzverhör es soll aber sehr selten sein, wie ich gelesen habe.

Warum ist es so selten?
Weil im deutschen Strafprozess der Vorsitzende nicht primär der Schiedsrichter zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung ist, die sich beide mit ihren Fragen und Stellungnahmen an die Schöffen respektive Geschworenen wenden, sondern selbst den Sachverhalt erforscht. Danach bleiben meistens nicht mehr viele sinnvolle Fragen offen.

Das hat sich bewährt.
Legally Confused hat geschrieben: Sonntag 26. Mai 2024, 03:50Und wie läuft ein Kreuzverhör in Deutschland ab?
Welche Fragen werden dort gestellt
Die Fragen ändern sich nicht wesentlich, weil sich ja auch die Anforderungen an diese Fragen - egal wer sie stellt - nicht ändern.
Legally Confused hat geschrieben: Sonntag 26. Mai 2024, 03:50Und: Lernt eigentlich jeder deutsche Anwalt wie man ein Kreuzverhör durchführt oder nur Strafrechtler?
Das lernt niemand, weil es weitgehend irrelevant ist.
Lernt ihr in Deutschland eigentlich welche Art von Fragen man generell stellen darf und welche nicht?

Und kommt es in Deutschland vor, dass gegen Fragen von einer Partei Einspruch erhoben wird?

Werden eigentlich immer Zeugen oder Angeklagte/Beklagte von Richter, Staatsanwaltschaft/Klägervertreter und Verteidigung/Beklagtenvertreter befragt oder kommt das nur im Strafrecht vor?

Und sind Strafprozesse eigentlich generell auch so „ruhig“ wie Zivilrechtsprozesse?


Ich war ja sehr erstaunt, als ich mal als Partei einen Zivilprozess miterlebt habe, wie ruhig das war.
Keiner hat die Stimme erhoben, jeder hat den anderen ausreden lassen, es kamen keine Rügen wegen dem Geflüster zwischen Parteien und deren Anwälten, obwohl man gerade ja gar nicht das Wort hatte (wobei die andere Partei da laut mit dem eigenen Anwalt gesprochen hatte und ich mit meinem mehr geflüstert und mich unauffällig verhalten habe).


Und ich war auch erstaunt, wie unterschiedlich sich Parteien vor Gericht verhalten. Ich war sehr darauf aus, mir keine Rügen einzuhandeln und habe immer nachgefragt, ob ich noch reden darf und die andere Partei hat sich um so etwas nicht geschert und einfach drauflos geredet, so wie man es andernorts auch in einem weniger „ernsten“ Kontext tun würde.
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Re: Kreuzverhör in Deutschland

Beitrag von scndbesthand »

Ich kann nur aus dem Zivilrecht berichten. Es kommt mE darauf an, auf welcher Ebene des Instanzenzuges man sich befindet (Amtsgericht < formell als OLG). Auch der/die Vorsitzende spielt eine große Rolle, der eine ist eher streng was das Dazwischenreden anbelangt und der andere toleriert das mehr.

Zeugenvernehmung gibt es natürlich auch im Zivilrecht. Die Vernehmung verläuft aber nach dem Prinzip des Inquisitionsprozesses, das Gericht stellt die Fragen, die Prozessbevollmächtigten haben das Recht, Ergänzungsfragen zu stellen, wovon mal mehr mal weniger Gebrauch gemacht wird.
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Re: Kreuzverhör in Deutschland

Beitrag von Legally Confused »

scndbesthand hat geschrieben: Montag 27. Mai 2024, 07:48 Ich kann nur aus dem Zivilrecht berichten. Es kommt mE darauf an, auf welcher Ebene des Instanzenzuges man sich befindet (Amtsgericht < formell als OLG). Auch der/die Vorsitzende spielt eine große Rolle, der eine ist eher streng was das Dazwischenreden anbelangt und der andere toleriert das mehr.

Zeugenvernehmung gibt es natürlich auch im Zivilrecht. Die Vernehmung verläuft aber nach dem Prinzip des Inquisitionsprozesses, das Gericht stellt die Fragen, die Prozessbevollmächtigten haben das Recht, Ergänzungsfragen zu stellen, wovon mal mehr mal weniger Gebrauch gemacht wird.

Wie spürbar wäre denn eigentlich der Unterschied vom Amtsgericht zum LG, abgesehen davon, dass dort nicht wie bei mir in Alltagskleidung (Turnschuhe, Jeans, Pullis, selbst Richter ohne Robe) verhandelt sondern Robenpflicht bestünde?

Oder hat es mehr mit den Richtern als mit der Instanz zu tun wie scharf der Prozess geführt wird?

Vor dem Amtsgericht war ich wie gesagt echt erstaunt, wobei ich den Richter schon als recht streng wahrgenommen habe und auch mal mit Fragen „festgenagelt“ wurde, wobei ich dann hinterher fand, dass ich trotz der (wenn auch noch geringen) Vorkenntnisse nicht ganz so gut auf die Fragen reagiert habe (man hat gemerkt, dass es unangenehm war).
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Kreuzverhör in Deutschland

Beitrag von Liz »

Legally Confused hat geschrieben: Lernt ihr in Deutschland eigentlich welche Art von Fragen man generell stellen darf und welche nicht?

Und kommt es in Deutschland vor, dass gegen Fragen von einer Partei Einspruch erhoben wird?

Werden eigentlich immer Zeugen oder Angeklagte/Beklagte von Richter, Staatsanwaltschaft/Klägervertreter und Verteidigung/Beklagtenvertreter befragt oder kommt das nur im Strafrecht vor?
Die praktischen Aspekte der Vernehmung sind (leider) kein Studieninhalt, sondern es gibt für Praktiker gesonderte (freiwillige) Fortbildungsveranstaltungen zum Thema „Psychologie der Zeugenvernehmung“.
Und natürlich wird auch mal über die Zulässigkeit von Fragen gestritten, nämlich wenn sie entweder weit außerhalb des eigentlichen Beweisthemas liegen oder unzulässig sind, weil zB wiederholend oder suggestiv.

Die Vernehmung läuft in Deutschland in allen Rechtsgebieten vergleichbar ab. Dh auch im Zivilprozess befragt zunächst das Gericht den Zeugen oder Sachverständigen möglichst umfassend, bevor den übrigen Beteiligten die Gelegenheit gegeben wird, ergänzende Fragen zu stellen. Im Idealfall hat das Gericht den Zeugen / Sachverständigen so umfassend und gut befragt, dass die Parteien ihn nicht mehr mit Suggestivfragen in ihre Richtung lenken können - zwar kann das Gericht eine solche Frage unterbinden, aber wenn eine Partei dem Zeugen erstmal gesagt hat, wie denn bitte seine Antwort lauten sollte, ist die (bestätigende) Antwort des Zeugen eigentlich nicht mehr verwertbar.
Und sind Strafprozesse eigentlich generell auch so „ruhig“ wie Zivilrechtsprozesse?


Ich war ja sehr erstaunt, als ich mal als Partei einen Zivilprozess miterlebt habe, wie ruhig das war.
Keiner hat die Stimme erhoben, jeder hat den anderen ausreden lassen, es kamen keine Rügen wegen dem Geflüster zwischen Parteien und deren Anwälten, obwohl man gerade ja gar nicht das Wort hatte (wobei die andere Partei da laut mit dem eigenen Anwalt gesprochen hatte und ich mit meinem mehr geflüstert und mich unauffällig verhalten habe).


Und ich war auch erstaunt, wie unterschiedlich sich Parteien vor Gericht verhalten. Ich war sehr darauf aus, mir keine Rügen einzuhandeln und habe immer nachgefragt, ob ich noch reden darf und die andere Partei hat sich um so etwas nicht geschert und einfach drauflos geredet, so wie man es andernorts auch in einem weniger „ernsten“ Kontext tun würde.
Das hängt schlichtweg vom Charakter der jeweilig anwesenden Personen und dem Gegenstand des Prozesses ab. Manchmal geht es auch im Zivilprozess lauter und emotionaler zu, wenn die mehr oder weniger zerstrittenen Parteien im Gerichtssaal aufeinandertreffen. Entsprechendes gilt im Strafprozess: Nicht jeder Strafverteidiger geht immer gleich auf Konfrontationskurs zum Gericht und / oder zur Staatsanwaltschaft. Viele Strafverfahren werden relativ ruhig und zivilisiert durchgeführt.
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Re: Kreuzverhör in Deutschland

Beitrag von Legally Confused »

Liz hat geschrieben: Montag 27. Mai 2024, 08:18
Legally Confused hat geschrieben: Lernt ihr in Deutschland eigentlich welche Art von Fragen man generell stellen darf und welche nicht?

Und kommt es in Deutschland vor, dass gegen Fragen von einer Partei Einspruch erhoben wird?

Werden eigentlich immer Zeugen oder Angeklagte/Beklagte von Richter, Staatsanwaltschaft/Klägervertreter und Verteidigung/Beklagtenvertreter befragt oder kommt das nur im Strafrecht vor?
Die praktischen Aspekte der Vernehmung sind (leider) kein Studieninhalt, sondern es gibt für Praktiker gesonderte (freiwillige) Fortbildungsveranstaltungen zum Thema „Psychologie der Zeugenvernehmung“.
Und natürlich wird auch mal über die Zulässigkeit von Fragen gestritten, nämlich wenn sie entweder weit außerhalb des eigentlichen Beweisthemas liegen oder unzulässig sind, weil zB wiederholend oder suggestiv.

Die Vernehmung läuft in Deutschland in allen Rechtsgebieten vergleichbar ab. Dh auch im Zivilprozess befragt zunächst das Gericht den Zeugen oder Sachverständigen möglichst umfassend, bevor den übrigen Beteiligten die Gelegenheit gegeben wird, ergänzende Fragen zu stellen. Im Idealfall hat das Gericht den Zeugen / Sachverständigen so umfassend und gut befragt, dass die Parteien ihn nicht mehr mit Suggestivfragen in ihre Richtung lenken können - zwar kann das Gericht eine solche Frage unterbinden, aber wenn eine Partei dem Zeugen erstmal gesagt hat, wie denn bitte seine Antwort lauten sollte, ist die (bestätigende) Antwort des Zeugen eigentlich nicht mehr verwertbar.
Und sind Strafprozesse eigentlich generell auch so „ruhig“ wie Zivilrechtsprozesse?


Ich war ja sehr erstaunt, als ich mal als Partei einen Zivilprozess miterlebt habe, wie ruhig das war.
Keiner hat die Stimme erhoben, jeder hat den anderen ausreden lassen, es kamen keine Rügen wegen dem Geflüster zwischen Parteien und deren Anwälten, obwohl man gerade ja gar nicht das Wort hatte (wobei die andere Partei da laut mit dem eigenen Anwalt gesprochen hatte und ich mit meinem mehr geflüstert und mich unauffällig verhalten habe).


Und ich war auch erstaunt, wie unterschiedlich sich Parteien vor Gericht verhalten. Ich war sehr darauf aus, mir keine Rügen einzuhandeln und habe immer nachgefragt, ob ich noch reden darf und die andere Partei hat sich um so etwas nicht geschert und einfach drauflos geredet, so wie man es andernorts auch in einem weniger „ernsten“ Kontext tun würde.
Das hängt schlichtweg vom Charakter der jeweilig anwesenden Personen und dem Gegenstand des Prozesses ab. Manchmal geht es auch im Zivilprozess lauter und emotionaler zu, wenn die mehr oder weniger zerstrittenen Parteien im Gerichtssaal aufeinandertreffen. Entsprechendes gilt im Strafprozess: Nicht jeder Strafverteidiger geht immer gleich auf Konfrontationskurs zum Gericht und / oder zur Staatsanwaltschaft. Viele Strafverfahren werden relativ ruhig und zivilisiert durchgeführt.

Finde das schade, dass das im Studium in Deutschland nicht vermittelt wird.
Schliesslich trägt das ja auch zum Erfolg bei, dass man die richtigen Fragen stellt und auch wie man sie stellt.

Ich meinte mit der Frage wie die Prozessarten generell ablaufen vor allem eher von Seiten der Prozessbevollmächtigten.

Aber schon faszinierend wie unterschiedlich doch Civil und Common Law sind, zB gibt es in letzterem zwei verschiedene Varianten von Befragungstechniken:

Zeuge der Verteidigung/Staatsanwaltschaft wird vernommen -> keine Suggestivfragen erlaubt.

Dann kann die jeweilige gegnerische Partei den Zeugen vernehmen und das Kreuzverhör beginnt -> nur Suggestivfragen erlaubt.


Evtl. kann dann noch eine dritte Befragung des Zeugen erfolgen und es gilt wieder dasselbe wie bei Variante 1.

Im Civil Law-System ist es dagegen alles komplett anders geregelt, was auch Vorteile hat, schliesslich ist in keinem der beiden Systeme der Gang zu Gericht für Laien etwas angenehmes und wenn es zivilisierter zugeht, hat das auch eine positive Wirkung auf die Nerven.
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Re: Kreuzverhör in Deutschland

Beitrag von Schnitte »

Selbst wenn es das Kreuzverhör in der deutschen Praxis gäbe (was nicht der Fall ist, s.o.), würde man es nicht im Studium lernen. Das Studium fokussiert sich aufs materielle Recht, nicht auf die anwaltliche Praxis. Auch die englischen Barristers lernen meines Wissens die Verhörtechnik nicht im Jurastudium, sondern später im BVC.
"Das Vertragsrecht der Bundesrepublik Deutschland und die gesetzlich vorgesehenen Möglichkeiten, die Erfüllung von Verträgen zu erzwingen [...], verstoßen nicht gegen göttliches Recht."

--- Offizialat Freiburg, NJW 1994, 3375
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Re: Kreuzverhör in Deutschland

Beitrag von Legally Confused »

Schnitte hat geschrieben: Montag 27. Mai 2024, 13:44 Selbst wenn es das Kreuzverhör in der deutschen Praxis gäbe (was nicht der Fall ist, s.o.), würde man es nicht im Studium lernen. Das Studium fokussiert sich aufs materielle Recht, nicht auf die anwaltliche Praxis. Auch die englischen Barristers lernen meines Wissens die Verhörtechnik nicht im Jurastudium, sondern später im BVC.
Wie es bei Barristers ist, weiss ich nicht, aber ich weiss, dass man für die Higher Rights of Audience als Solicitor eine Art Prüfung ablegen muss, bei der Kreuzverhör ein praktischer Teil davon ist.
Bei mir ist es so, dass ich zB teils praktische Aspekte habe, wie die juristische Kommunikation oder wie man mit einem aufgebrachten Mandanten umgeht.
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Re: Kreuzverhör in Deutschland

Beitrag von Schnitte »

Legally Confused hat geschrieben: Montag 27. Mai 2024, 17:01 Wie es bei Barristers ist, weiss ich nicht, aber ich weiss, dass man für die Higher Rights of Audience als Solicitor eine Art Prüfung ablegen muss, bei der Kreuzverhör ein praktischer Teil davon ist.
Auch das ist ja lange nach dem Studium. Der Solicitor, der Higher Rights of Audience will, ist ja schon zugelassener Anwalt.
"Das Vertragsrecht der Bundesrepublik Deutschland und die gesetzlich vorgesehenen Möglichkeiten, die Erfüllung von Verträgen zu erzwingen [...], verstoßen nicht gegen göttliches Recht."

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Re: Kreuzverhör in Deutschland

Beitrag von Legally Confused »

Schnitte hat geschrieben: Montag 27. Mai 2024, 17:17
Legally Confused hat geschrieben: Montag 27. Mai 2024, 17:01 Wie es bei Barristers ist, weiss ich nicht, aber ich weiss, dass man für die Higher Rights of Audience als Solicitor eine Art Prüfung ablegen muss, bei der Kreuzverhör ein praktischer Teil davon ist.
Auch das ist ja lange nach dem Studium. Der Solicitor, der Higher Rights of Audience will, ist ja schon zugelassener Anwalt.

Genau.
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Re: Kreuzverhör in Deutschland

Beitrag von thh »

Legally Confused hat geschrieben: Montag 27. Mai 2024, 07:35Lernt ihr in Deutschland eigentlich welche Art von Fragen man generell stellen darf und welche nicht?
Grundsätzlich ja. Bei einem wissenschaftlichen Studium und einer praxisfokussierten Ausbildung gibt es aber keinen Lernzielkatalog, in dem einzelne Punkte in dieser Weise "abgehakt" werden.
Legally Confused hat geschrieben: Montag 27. Mai 2024, 07:35Und kommt es in Deutschland vor, dass gegen Fragen von einer Partei Einspruch erhoben wird?
Ja.
Legally Confused hat geschrieben: Montag 27. Mai 2024, 07:35Werden eigentlich immer Zeugen oder Angeklagte/Beklagte von Richter, Staatsanwaltschaft/Klägervertreter und Verteidigung/Beklagtenvertreter befragt oder kommt das nur im Strafrecht vor?
Das ist überall so.
Legally Confused hat geschrieben: Montag 27. Mai 2024, 07:35Und sind Strafprozesse eigentlich generell auch so „ruhig“ wie Zivilrechtsprozesse?
Das kommt auf den Prozess an. Tendentiell sind Familiensachen am ehesten emotional aufgeheizt, dann Strafsachen, dann Zivilsachen. Aber auch da gibt es Anwälte, die sich gegenseitig anschreien.
Legally Confused hat geschrieben: Montag 27. Mai 2024, 07:35Ich war ja sehr erstaunt, als ich mal als Partei einen Zivilprozess miterlebt habe, wie ruhig das war.
Keiner hat die Stimme erhoben, jeder hat den anderen ausreden lassen, es kamen keine Rügen wegen dem Geflüster zwischen Parteien und deren Anwälten, obwohl man gerade ja gar nicht das Wort hatte (wobei die andere Partei da laut mit dem eigenen Anwalt gesprochen hatte und ich mit meinem mehr geflüstert und mich unauffällig verhalten habe).
All das sollte unter erwachsenen, einigermaßen sozialisierten Menschen eine Selbstverständlichkeit sein. Man ist ja auch nicht erstaunt, dass einem niemand in den Flur kackt (okay, außer in Berlin vielleicht).
scndbesthand hat geschrieben: Montag 27. Mai 2024, 07:48Ich kann nur aus dem Zivilrecht berichten. Es kommt mE darauf an, auf welcher Ebene des Instanzenzuges man sich befindet (Amtsgericht < formell als OLG). Auch der/die Vorsitzende spielt eine große Rolle, der eine ist eher streng was das Dazwischenreden anbelangt und der andere toleriert das mehr.
Das ist im Strafrecht nicht wesentlich anders.
Legally Confused hat geschrieben: Montag 27. Mai 2024, 08:46Finde das schade, dass das im Studium in Deutschland nicht vermittelt wird.
Das ist nicht wirklich Inhalt eines wissenschaftlihen Studiums; aber freilich kann man sich auch darüber informieren, man ist ja einigermaßen frei darin, wie man sein Studium gestaltet.
Legally Confused hat geschrieben: Montag 27. Mai 2024, 08:46Schliesslich trägt das ja auch zum Erfolg bei, dass man die richtigen Fragen stellt und auch wie man sie stellt.
Die Bedeutung der Fragetechnik halte ich - gerade in der mündlichen Verhandlung - jedenfalls für die nicht-richterlichen Verfahrensbeteiligten für überschaubar. Wer dort Defizite zu haben, bildet sich halt fort. Das ist nichts besonderes; es gibt ganze Rechtsgebiete, die nicht (Pflicht-)Gegenstand des Studiums sind, die man aber trotzdem in der Praxis beherrschen muss, wenn man in diesem Bereich tätig sein will.
Legally Confused hat geschrieben: Montag 27. Mai 2024, 17:01Bei mir ist es so, dass ich zB teils praktische Aspekte habe, wie die juristische Kommunikation oder wie man mit einem aufgebrachten Mandanten umgeht.
Das ist allerdings eher Teil einer praktischen Ausbildung als eines Studiums.
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Re: Kreuzverhör in Deutschland

Beitrag von Legally Confused »

thh hat geschrieben: Montag 27. Mai 2024, 18:49
Legally Confused hat geschrieben: Montag 27. Mai 2024, 07:35Lernt ihr in Deutschland eigentlich welche Art von Fragen man generell stellen darf und welche nicht?
Grundsätzlich ja. Bei einem wissenschaftlichen Studium und einer praxisfokussierten Ausbildung gibt es aber keinen Lernzielkatalog, in dem einzelne Punkte in dieser Weise "abgehakt" werden.
Legally Confused hat geschrieben: Montag 27. Mai 2024, 07:35Und kommt es in Deutschland vor, dass gegen Fragen von einer Partei Einspruch erhoben wird?
Ja.
Legally Confused hat geschrieben: Montag 27. Mai 2024, 07:35Werden eigentlich immer Zeugen oder Angeklagte/Beklagte von Richter, Staatsanwaltschaft/Klägervertreter und Verteidigung/Beklagtenvertreter befragt oder kommt das nur im Strafrecht vor?
Das ist überall so.
Legally Confused hat geschrieben: Montag 27. Mai 2024, 07:35Und sind Strafprozesse eigentlich generell auch so „ruhig“ wie Zivilrechtsprozesse?
Das kommt auf den Prozess an. Tendentiell sind Familiensachen am ehesten emotional aufgeheizt, dann Strafsachen, dann Zivilsachen. Aber auch da gibt es Anwälte, die sich gegenseitig anschreien.
Legally Confused hat geschrieben: Montag 27. Mai 2024, 07:35Ich war ja sehr erstaunt, als ich mal als Partei einen Zivilprozess miterlebt habe, wie ruhig das war.
Keiner hat die Stimme erhoben, jeder hat den anderen ausreden lassen, es kamen keine Rügen wegen dem Geflüster zwischen Parteien und deren Anwälten, obwohl man gerade ja gar nicht das Wort hatte (wobei die andere Partei da laut mit dem eigenen Anwalt gesprochen hatte und ich mit meinem mehr geflüstert und mich unauffällig verhalten habe).
All das sollte unter erwachsenen, einigermaßen sozialisierten Menschen eine Selbstverständlichkeit sein. Man ist ja auch nicht erstaunt, dass einem niemand in den Flur kackt (okay, außer in Berlin vielleicht).
scndbesthand hat geschrieben: Montag 27. Mai 2024, 07:48Ich kann nur aus dem Zivilrecht berichten. Es kommt mE darauf an, auf welcher Ebene des Instanzenzuges man sich befindet (Amtsgericht < formell als OLG). Auch der/die Vorsitzende spielt eine große Rolle, der eine ist eher streng was das Dazwischenreden anbelangt und der andere toleriert das mehr.
Das ist im Strafrecht nicht wesentlich anders.
Legally Confused hat geschrieben: Montag 27. Mai 2024, 08:46Finde das schade, dass das im Studium in Deutschland nicht vermittelt wird.
Das ist nicht wirklich Inhalt eines wissenschaftlihen Studiums; aber freilich kann man sich auch darüber informieren, man ist ja einigermaßen frei darin, wie man sein Studium gestaltet.
Legally Confused hat geschrieben: Montag 27. Mai 2024, 08:46Schliesslich trägt das ja auch zum Erfolg bei, dass man die richtigen Fragen stellt und auch wie man sie stellt.


Die Bedeutung der Fragetechnik halte ich - gerade in der mündlichen Verhandlung - jedenfalls für die nicht-richterlichen Verfahrensbeteiligten für überschaubar. Wer dort Defizite zu haben, bildet sich halt fort. Das ist nichts besonderes; es gibt ganze Rechtsgebiete, die nicht (Pflicht-)Gegenstand des Studiums sind, die man aber trotzdem in der Praxis beherrschen muss, wenn man in diesem Bereich tätig sein will.
Legally Confused hat geschrieben: Montag 27. Mai 2024, 17:01Bei mir ist es so, dass ich zB teils praktische Aspekte habe, wie die juristische Kommunikation oder wie man mit einem aufgebrachten Mandanten umgeht.
Das ist allerdings eher Teil einer praktischen Ausbildung als eines Studiums.

Danke für die Einblicke, für mich ist es alles sehr spannend.
Also ist es so, dass sich die Art des Prozesses (Zivil vs. Strafrecht) vom Ablauf her nicht unterscheiden?

Wie fandest du das deutsche Studium generell vom Ablauf her? Wenn du einen Einfluss drauf hättest, was würdest du ändern?

Naja, mein Erstaunen rührte mehr daher, dass es mein erstes Mal vor Gericht war und ich nicht so wirklich eine Vorstellung hatte wie das alles abläuft und ich es mir generell „aggressiver“ vorgestellt hab.


Dass sich Anwälte vor Gericht gegenseitig anschreien hätte ich nicht gedacht.
Kommt das eher häufig oder selten vor?
Und wie häufig kommt es vor, dass gegnerische Anwälte den Beklagten/Kläger anschreien bzw. sich aggressiv verhalten?



Ich denke, dass die Art und der Inhalt der Fragestellung in Deutschland wohl keine so grosse Bedeutung hat, aber zB in Amerika ist das scheinbar nicht zu unterschätzen, da mir im Trump-Prozess auffiel, dass Reporter, die einen juristischen Hintergrund haben, meinten, dass Todd Blanche (Verteidiger von Trump) da viel falsch gemacht hat.


Ich habe tatsächlich praktische und theoretische Aspekte und auch wenn es eine Art „Aufbaustudium“ ist, ist man dadurch in der Lage beim LLB direkt im letzten Studienjahr zu starten.
Aber die Systeme sind eigentlich schon recht verschieden.
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